«Im Sportunterricht wurde ich immer mit den Dicken zuletzt gewählt»

Weisse Haut, helle Haare und Sehbehinderung: Wie lebt es sich mit Albinismus? Ein 25-Jähriger erzählt uns aus seinem Leben.

«Nimmst du das als Quote?», fragt mich Yanick hinter seiner grossen Brille frech, als ich zum Testen meines Aufnahmegerätes frage, was er zum Zmorgen gegessen hat. Gewieft und sympathisch ist er. Auch sein Lachen ist ansteckend. Der einzige Unterschied zu ihm und den anderen Menschen in der Bar in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs ist, dass seine Haut auffällig hell erscheint und er mir nicht in die Augen schaut. Nicht weil er nicht will, sondern nicht kann. Yanick hat Albinismus.

Wenn der 25-jährige Aargauer – er hat lediglich 10% Sehvermögen – von seiner Krankheit erzählt, wirkt er weder traurig noch bedrückt. Eher rasselt er mechanisch die Fakten rund um Albinismus runter, als hätte er sie schon tausendmal erklären müssen. Als wir auf die ungern gehörte Bezeichnung «Albino» zu sprechen kommen, kehrt Wärme in seine Stimme zurück. «Das Wort finde ich recht unnötig, weil es einfach dumm klingt», meint er lachend. Yanick lacht viel.

Japaner drehen durch

Viele dieser Fakten hat er in der Blindenschule in Zollikofen gelernt. Er besuchte dort die Primarschule. Sein Kindergarten war ein öffentlicher. An die Zeit im «Kindsgi» kann er sich nur noch vage erinnern: «Ich hatte aber schon das Gefühl, dass ich abgeschottet war und die Kinder nicht wirklich mit dem ‹Anderen› spielen wollten», meint er schulterzuckend. Seine Augen sind auf den Boden ausgerichtet und zittern. Kinder können schon gemein sein.

Das erste Mal als Yanick realisierte, dass er mit seiner Erscheinung auffällt, war die Begegnung mit Japanern. Diese drehten – natürlich – ab dem herzigen, weissen Kind mit den hellen Haaren durch. «Für mich ist das der grösste Grund, meine Augenbrauen und Haare zu färben.» Dunkelbraun wurden sie ihm im Coiffeursalon gefärbt. «Aber die kriegen es nie richtig hin», grinst er.

Drei Vorstellungsgespräche in einem halben Jahr

Yanick löst kein «Helfer-Syndrom» in einem aus. Man hat nicht das Gefühl, ihn bemuttern oder über die Strasse helfen zu müssen. Die einzigen Gadgets, die er braucht, hat er eh immer bei sich. Seine «normale» Brille, eine zweite für die Kurzsicht, ein Okularfernrohr und sein iPhone mit der Bildschirm-Zoom-Funktion.

All diese Dinge kommen ihm bei seiner Arbeit zugute. Nach seinem Mathematikbachelor an der Uni Bern fand er eine Stelle bei einem Versicherungskonzern in Zürich. «Berater Einzelleben Technik», so lautet seine fancy Jobbeschreibung. Die Jobsuche dauerte ungefähr ein halbes Jahr – RAV-Anmeldung inklusive. Jeden Monat verschickte er acht bis zehn Bewerbungen – auf drei Vorstellungsgespräche konnte er schliesslich gehen. «Es war schon deprimierend. Ich fragte mich immer, ob mein Bachelorabschluss nicht genügte oder ob die Absagen mit dem Albinismus zu tun hatten», gibt er zu.

Eine Freundin? «Bloss nicht!»

Abseits der Arbeit vertreibt sich Yanick seine freie Zeit mit Freunden. In Clubs trifft man ihn aber nicht an. «Ich seh dort nichts und meistens läuft eh nur doofe Musik. Das gibt mir nichts.» Eine Freundin hat er nicht. Ob er gerne eine hätte? «Bloss nicht!», lacht er – erst in einem zweiten Moment merkt man die Ironie dahinter. Kleinlaut gibt er zu, dass er natürlich gerne in einer Beziehung wäre. Bis anhin hatte er ein paar, aber nichts Ernstes.

Frauen anzusprechen sei «aus offensichtlichen» Gründen schwierig. Zudem sei er scheu. Schwer zu glauben, wenn man mit ihm so offen über sein Leben spricht. Er korrigiert sich:«Wenn ich erstmals in Kontakt mit jemandem bin, ist es okay.» Aber ansprechen tue ihn keine.

Autofahren ist keine Option

Zuhause – Yanick wohnt seit dem Uniabschluss wieder bei seinen Eltern – schaut er gerne Serien und spielt Videogames. Nicht auf dem Sofa, sondern dicht vor dem Fernseher. Dabei zockt er am liebsten Renn-Games. «So kann ich was machen, was ich sonst nicht kann.» Autofahren, das ist der grösste Verzicht für Yanick.

Auch, dass der sich sportlich nicht ganz so austoben kann wie es gerne hätte, wurmt den Aargauer. Tennis mag er  – Andy Murray fasziniert ihn – aber selber spielen kommt nicht in Frage. «Meine Augen kommen gar nicht richtig mit bei den schnellen Bällen», erklärt er. Skifahren geht er, wenn jemand vor ihm vorfährt und als er die letzte Primarklasse an einer öffentlich Schule – in Vorbereitung fürs Gymnasium – besuchte, wurde «er immer mit den Dicken als letzter gewählt».

Ein Ziel für 2017

Alleine Reisen, das kommt für Yanick nicht in Frage. «Ich glaube einfach nicht, dass ich mich zurecht finden würde», meint er nüchtern. Er besuche aber gerne warme Orte. Der einzige Unterschied beim Besuch von tropischen Gebieten ist die Tatsache, dass Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 als konstanter Reisekumpan dabei ist.

Trotz allem: Yanick lebt mit seinen Einschränkungen wie ein normaler 25-Jähriger. Für ihn war 2016 – im Vergleich zu vielen anderen – ein gutes Jahr. Uniabschluss, Job und finanzielle Unabhängigkeit – das alles hat er erreicht. Sein erklärtes Ziel für 2017: Eine Wohnung in Zürich finden, damit er nicht mehr drei Stunden täglich pendeln muss. Und als ich mich von ihm verabschiede, habe ich keine Zweifel, dass er auch dieses Ziel erreichen wird.


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41 Kommentare

Sehende vor 9 Monate
10% seines Sehvermögens? Ui das ist ja eine Negativspirale...
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Drexler vor 9 Monate
Vielleicht haben die absagen auch etwas mit seiner persönlichkeit zu tun? Denn jemanden der selbst handycapiert ist und andere dann abschätzig als die "fetten" bezeichnet kann ich mir nicht als sympathisch vorstellen.
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Swissgirl vor 9 Monate
Mein Sohn leidet ebenfalls unter Albinismus, hinzu kommt noch Autismus. Was er sich bis heute hat anhören müssen wäre Grund genug gewesen für diverse Anzeigen. Ich verstehe Yannik.
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Lolla vor 9 Monate
Ich verstehe nicht das Menschen mit einem Handycap andere Menschen( ich wurde mit den Fetten zuletzt gewählt) so betiteln müssen! Mit solch einer einstellung hast du es nicht anders verdient!
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