Uhrmacher leisten die grösste Kleinstarbeit

Fünf Wochen lang schicken wir unsere Praktikantin durch die Schweiz. Ihre Mission: Sie wird die unterschiedlichsten und spannendsten Lehrstellen testen. Diese Woche übt sie sich als Uhrmacherin.

Mittlerweile hat jeder von uns ein Smartphone oder einen Computer mit digitaler Zeitanzeige. Trotzdem werden jedes Jahr tausende von Uhren mit echtem tickenden Innenleben produziert, die wir als Statussymbol, Schmuck oder einfach aus Gewohnheit an unseren Handgelenken tragen. Doch hinter jeder mechanischen oder jeder Quarzuhr steckt hochpräzise Kleinstarbeit, die von fleissigen Uhrmachern erledigt wird.

Ich wollte mal hinter die Glasscheibe einer Uhr schauen und arbeitete deshalb einen Tag lang in der ETA SA Manufacture Horlogère Suisse in Grenchen, die zur Swatch Group gehört.

Der Tag eines Uhrmachers beginnt zwischen sieben und acht Uhr morgens in der ETA. Die Auszubildenden lernen in zwei voneinander getrennten Werkstätten was es bedeutet, auf einen zehntel Millimeter genau zu arbeiten. Und genau das steht mir jetzt auch bevor.

Ist das die Hölle?

In der Werkstatt für Mikromechanik stellen die Lehrlinge ihr eigenes Werkzeug her. Für mich geht es als Erstes hier hin. Es riecht nach geschliffenem Stahl und Öl. Die 20-jährige Melania*, die gerade im dritten Lehrjahr steckt, zeigt mir, wie ich an der Drehscheibe zu arbeiten habe. Eine Schleifmaschine, an der ich ein Stahlteilchen bearbeiten soll. Die Prozedur dauert eine gefühlte Ewigkeit und ich muss mich zusammenreissen, nicht zu hastig zu arbeiten. Die erfahrene Lehrtochter hingegen meistert diese Übungsaufgabe mit einer Ruhe und Gelassenheit, die mich fast in den Wahnsinn treibt. Ja, ich bin einer dieser ungeduldigen Menschen, die sogar genervt vor der Mikrowelle stehen und aufs Essen warten.

Psychische und physische Grenzen testen

Nach dieser Herausforderung geht es für mich endlich in die Werkstatt, in der das Herz einer Uhr geöffnet wird: Das Uhrwerk! Die 16 bis 20-Jährigen sitzen in weissen Kitteln – für mich ungewohnt – ruhig und konzentriert an ihren Tischen und arbeiten. Auch ich bekomme ein Uhrwerk bestehend aus 25 winzigen Teilchen, das ich erst auseinander- und dann wieder zusammenschrauben muss. Ich schaffe es zwar tatsächlich mit meinen zittrigen Fingern die Kornzange, die wie eine Pinzette aussieht, zu halten, lasse allerdings jede einzelne Schraube mindestens einmal fallen und verschiebe die Teilchen namens Kronrad, Anker oder Klinke, die ich gerade platziert hatte, immer wieder.
Die Arbeit wird zur Zerreissprobe für meine Nerven und ich verfluche jedes einzelne dieser winzigen Bestandteile und meine Weitsichtigkeit. Denn die Teilchen so nah vor meine Augen zu halten und zu fokussieren, bereitet mir mittlerweile Kopfschmerzen. Nach Mühevollen sechzig Minuten ist endlich alles fest verschraubt und das Uhrwerk tickt tatsächlich! Ein wahres Glücksgefühl durchströmt meinen angespannten Körper.

Puzzeln für Fortgeschrittene

Die Kopfschmerzen seien am Anfang ganz normal, meint meine Begleiterin Melania. Die Augen müssten sich erst daran gewöhnen, so kleine Teile zu erkennen. Doch genau in dieser anstrengenden Kleinstarbeit hat sie ihren Traumjob gefunden. «Ich habe schon immer gern gepuzzelt und das hier ist ähnlich.» Sie ist die geborene Uhrmacherin: Zuverlässig, geduldig, konzentriert und perfektionistisch. «Ich geniesse es, ganz für mich zu sein und mich nur auf die Arbeit zu konzentrieren», erzählt mir die Lehrtochter. Am liebsten findet sie heraus, warum eine Uhr nicht mehr funktioniert. Das sei jedes Mal spannend.

Braucht es dazu überhaupt noch Menschen?

Gegen Ende des Tages werde ich von Herrn Kohli, dem Verantwortlicher für Berufsbildung der Swatch Group, durch die Produktionsstrasse der Omega-Uhrwerke geführt. Ein Grossteil der Arbeit wird mittlerweile von Maschinen erledigt, wie zum Beispiel das gleichmässige Festdrehen von Schrauben. Angst um die Zukunft des Berufes hat er aber nicht: «Es wird immer Uhrmacher brauchen für all die Uhren, die wir schon besitzen oder weltweit noch verkauft werden. Denn mechanische Uhren sollten regelmässig unterhalten werden und wenn sie stillstehen, muss man herausfinden, warum – und das können nur gut ausgebildete Uhrmacherinnen und Uhrmacher.»


Kommentar schreiben

6 Kommentare

Burak vor 6 Monate
Genau vor 10 Jhre habe ich meine Lehre in gleichen Ort abgeschlossen sieht immer noch genau gleich aus 😃 Gruss Burak
1
2
Antwort
Burim Becher vor 6 Monate
Wow mal ein spannender Artikel auf tilllate in dem es nicht um Kunst, die keine Kunst ist, Sex oder Femininistenramsch geht. Gut gemacht. Uhren sind eine spannende Sache und wichtig für die Schweizer Wirtschaft.
6
0
Antwort
UHRMACHER vor 6 Monate
Seit 8 Jahren arbeite ich nun als Uhrmacher. Ich liebe meinen Job, weil das auch nicht jeder kann. Es braucht enorme Selbstdisziplin und Konzentration. Ausserdem gibt es immer etwas Neues zum lernen. Im Übrigen ist das gezeigte Uhrwerk für eine Taschenuhr gedacht. Es ist sehr gross und mechanisch etwas von einfachsten was es gibt. Ich setze das ding in 20min zusammen (inkl. schmieren). Aber finde es gut, dass es im Bericht so gut beschrieben wird.
3
1
Antwort
Igel vor 6 Monate
Was am Anfang auch Mühe macht sitzen fast einen ganzen Tag. Das muss auch gelernt sein ist nicht jedermans Sache. Dann immer mit Lupe Arbriten.
3
0
Antwort
Youtuber lernt, Gläser mit seiner Stimme zu zerbrechen

Youtuber lernt, Gläser mit seiner Stimme zu zerbrechen

Das sind die Netflix-Kuriositäten von 2017

Das sind die Netflix-Kuriositäten von 2017

«Die Cops ham mein Handy»

«Die Cops ham mein Handy»

Die beliebtesten GIFs des Jahres

Die beliebtesten GIFs des Jahres