«Ich wurde beinahe von einem Schiff zerquetscht»

Julian ist mit Herz und Seele Matrose. Doch wie sieht so ein Leben an Bord aus? Er hat uns von seinem Aussteiger-Alltag erzählt und wie er fast gestorben wäre.

Wer sich keinen Normalojob vorstellen kann, keine Scheu vor harter Arbeit hat und auch nie seekrank wird, der könnte eine Ausbildung als Matrose in Erwägung ziehen. Diesen Schritt wagte der 22-jährige Julian aus Zürich. Nach dem Militär begann er eine Lehre als Matrose in der Binnenfahrt, die er letzten Sommer abschloss. Jahrelang fuhr er Europas Flüsse hoch und runter. Momentan macht er eine kleine Winterpause und tritt im April seine neue Stelle auf dem Zürichsee an. Mit uns hat er über seinen Alltag gesprochen und erklärte uns, warum er sein Leben auf dem Wasser feiert.

Ahoi Julian! Erzähl mal, warum bist du Matrose geworden?
Ich hab mich schon immer für Schiffe interessiert und konnte mir einen normalen Bürojob einfach nicht vorstellen. Ausserdem bin ich gerne unterwegs und war beruflich unter anderem schon in Amsterdam, Trier, Passau, Budapest und Hamburg. Auf dem Schiff wird die Crew zur zweiten Familie und das Zusammenleben macht mir total Spass.

Was genau sind deine Aufgaben als Matrose?
Die Arbeit ist sehr vielseitig. Wir Matrosen halten das Schiff instand, kontrollieren die Maschinen, machen Ölwechsel, putzen das Deck, oder verlegen sogar Teppiche. Die Arbeit ist ähnlich wie die eines Hausmeisters – nur mit mehr Fachwissen und gefährlicher.

Gefährlicher als ein Hausmeisterjob?
An Bord gibt es viele Möglichkeiten sich zu verletzen oder zu sterben. Fällst du ins Wasser, zieht dich die Strömung nach unten. Reisst ein Stahlseil, ist schnell mal ein Bein weg. Ich selbst bin schon beim Anlegen ausgerutscht und zwischen Steg und Schiffswand geraten. Hätte der Kapitän nicht so schnell reagiert, wäre ich zerquetscht worden.

Krass. Aber sonst macht dir die harte Arbeit nichts aus?
Nein. Man gewöhnt sich schnell daran. Ausserdem arbeitet man im Team. Bei einem 110 Meter langen Binnenschiff besteht die Besatzung aus einem Maschinisten, drei Matrosen und zwei Schiffsführern – so nennt man heute einen Kapitän.

Wie sieht dein Arbeitstag aus?
Es gibt Tage an denen ist man nach vier Stunden schon fertig. Ein andermal musste ich drei Tage lang 18-Stunden-Schichten schieben. Danach wollte ich nur noch schlafen.

Wie lange bist du normalerweise auf dem Wasser unterwegs?
Während meiner Lehrzeit war ich immer vier Wochen mit dem Schiff unterwegs und hab sieben Tage die Woche gearbeitet. Dafür hat man dann zwei Wochen frei anschliessend – die man dringend braucht. Als ausgelernter Matrose muss man sogar sechs Wochen am Stück arbeiten.

Wird es dir auf dem Schiff nie langweilig?
Nein. Da ich auf einem Kreuzfahrtschiff arbeite, konnte ich in meiner Freizeit mit den Touristen an Land und an Exkursionen teilnehmen. Abends sitzen wir Crewmitglieder alle zusammen an Deck, trinken Bier, hören Musik und grillieren. Das sind die schönsten Stunden.

Wie lebst du eigentlich an Bord? Hast du eine eigene Kajüte?
Nö. Man teilt sich mit einem anderen Crewmitglied ein kleines Zimmer mit Hochbett, einem kleinen Tisch und einem winzigen Badezimmer. Von Luxus oder Privatsphäre ist da nicht die Rede.

Klingt ungemütlich. Wie regelt ihr das, wenn ihr mal Sex haben wollt?
Dann muss der Mitbewohner halt für ein bis zwei Stunden das Zimmer verlassen.
Oder, wenn man Glück hat, ist ein Gästezimmer frei und man schleicht sich heimlich dort rein. Mit unserem Matrosen-Universalschlüssel geht das, aber wir dürfen nicht erwischt werden, sonst gibts echt Ärger.

Ist eine Beziehung an Land möglich?
Ich denke schon. Bei mir sind aber schon zwei Beziehungen zerbrochen, weil ich zu oft weg bin. Wenn man wochenlang auf einem Schiff festsitzt, entstehen viele saisonale Affären mit anderen Besatzungsmitgliedern, Kellnerinnen oder Hostessen an Bord. Ich hatte auch schon die eine oder andere. Kann Fluch und Segen zu gleich sein: Entweder man hat eine tolle Zeit zusammen, oder man macht noch unterwegs Schluss und muss dann trotzdem die andere Person immer um sich haben.

Hattest du auch mal was mit einer Passagierin?
Naja, die meisten Gäste sind zwischen sechzig und siebzig Jahren. Das ist nicht ganz mein Beuteschema. Aber es wäre laut Arbeitsvertrag auch nicht erlaubt.

Willst du für immer Matrose bleiben?
Nicht für immer Matrose, aber für immer auf dem Wasser. Ich könnte mir vorstellen später auf meinem eigenen Schiff Kapitän zu werden oder Schiffbau zu studieren. Im April fange ich an auf dem Zürichsee zu arbeiten. Eine Kompromisslösung also zwischen Wasser und einem festen Zuhause in Zürich, weil man ja doch irgendwann eine Freundin will.

Gibt es noch Klischee-Matrosen im Popeye-Style wie wir sie uns vorstellen? Und wenn ja, wo finden wir die?
Ja, die gibt es tatsächlich noch. Aber die meisten arbeiten auf Frachtschiffen ohne Kundenkontakt. Da stehen dann wirklich noch bärtige Hünen mit Tattoos und Pfeife im Mund bei Regen und Sturm an Deck und fluchen vor sich hin.


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3 Kommentare

Lisa vor 5 Monate
Wieso Aussteiger? Er hat doch einen ganz normalen Beruf als Matrose. Aussteiger gehen keiner Arbeit als Angestellte nach, denn dann wäre man ja nicht ausgestiegen.
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Martin vor 5 Monate
Hatt sich erwas verbessert seit den 70er Jahren. Wir arbeiteten noch drei Monate à sieben Tage und danach ein Monat frei. Leider wurde das abmustern hinausgezogen und das anmustern sollte früher stattfinden, also meistens nur drei Wochen Frei! Bei der Besatzung wurde die Ehefrau als Matrose eingetragen, obwohl sie nie an Deck war und somit mussten wir unterbemannt auf der Bergfahrt bis 22 Stunden pro Tag arbeiten, sieben Tage hintereinander...
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Marvin Gutjahr vor 5 Monate
Aha dr Herr Julian kenne mir doch 😉 muesch ufpasse ufem Schiff ✌😉
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