Eine Nacht mit den Beliebers

Unsere Redaktorin hat sich vergangene Nacht vor dem Stade de Suisse in Bern unter campende Beliebers gemischt. Dabei hat sie erfahren, dass hier nicht nur um Justin gekämpft wird, sondern auch um Gerechtigkeit und Menschenrechte.

Seit bekannt wurde, dass der kanadische Superstar Justin Bieber ein Konzert in Bern gibt, herrscht bei den Schweizer Fans Ausnahmezustand. Da übernachten hartgesottene Anhänger auch schon mal die ganze Nacht vor dem Stadion, um am Morgen als Erste in der Schlange zu stehen. Kälte, Regen und andere Hindernisse können echte «Beliebers» nicht davon abhalten, ihrem Justin ganz nahe sein zu wollen. Ich selbst wollte die Megafans einmal in Aktion erleben und habe mich mit meinem Schlafsack dazu gelegt.

00:30 Uhr
Im Dunkeln suche ich nach jungen Fans, die vor dem Stade de Suisse in Bern ihr Lager aufgeschlagen haben. Denn in gut 20 Stunden beginnt das Konzert von Justin Bieber und schon jetzt warten mehrere Dutzend aufgeregter Girls darauf, ihr Idol bald live erleben zu dürfen.

Eingehüllt in Decken und Schlafsäcke sitzen die Mädchen, einige davon gerade mal 14 Jahre alt, verteilt in ihren Grüppchen auf dem harten Boden. Viele von ihnen hätten vor Aufregung seit Tagen nicht geschlafen, teilen sie mir mit. Bekleidet mit weissen Turnschuhen, Leggings, den obligatorischen Justin-Bieber-Shirts und Zahnspange.

Ich nähere mich einer Gruppe junger Liechtensteinerinnen, wobei mir eine von ihnen direkt entgegenspringt: «Bist du AD?», fragt sie mich. Ich werde darüber aufgeklärt, dass das Konzert in vier Zugänge mit eigenen Warteschlangen unterteilt und AD einer davon ist. Zum Glück sind die Mädels bestens informiert und kümmern sich rührend um alle Neulinge.

1:38 Uhr
Ich mache es mir bei meinen neuen Freundinnen auf dem von der Sommerhitze noch warmen Boden gemütlich und lasse mich darüber aufklären, was es mit den Nummern auf sich hat, die sie den Neuankömmlingen auf die Hand kritzeln: «Jeder bekommt eine Zahl, damit wir morgen wissen, wer als erstes da war und an vorderster Stelle in der Schlange stehen darf.» Das hätte beim letzten Jahr super funktioniert und sei am fairsten.

Langsam beginnt es zu regnen und wir müssen uns unter ein nahegelegenes Dach umpflanzen. Eigentlich hiess es, man dürfe hier nicht liegen. Doch wir setzen uns trotzdem dort hin und werden geduldet. Mit echten Beliebers will sich wohl keiner so schnell anlegen.

2:15 Uhr
Meine Mädels haben mich inzwischen als vollwertiges Mitglied akzeptiert und erzählen mir fleissig von Justin, während wir Bier trinken und eine Zigarette nach der anderen rauchen. «Am schlimmsten ist es nach dem Konzert», meint die 18-jährige Chiara. Und Theresa gibt ihr Recht: «Ja! Danach kann ich seine Songs erstmals nicht mehr hören, weil ich ihn so vermisse!». Ich bewundere die Mädels für so viel Fanliebe und frage mich, ob ich jemals für ein Lebewesen so viel Liebe aufbringen werden kann, wie diese jungen Frauen für Justin Bieber.

3:00 Uhr
Während ich langsam verdammt müde werde, sind Theresa, Chiara und Joana richtig besorgt. Das Thema des Abends (neben Justin versteht sich): Sie dürfen kein Wasser oder Essen mit in die offizielle Warteschlange vor dem Haupteingang des Gebäudes nehmen oder überhaupt aufs Klo gehen. «Ich meine wir warten da nochmal von acht Uhr morgens bis vier Uhr Nachmittags in der Hitze. Das ist doch gegen die Menschenrechte!», sind sich alle einig.

Die zwei Sicherheitsmänner, die den abgesperrten Bereich bewachen, werden deshalb abwechselnd von den Mädchen belagert und mit Fragen gelöchert, die sie brav beantworten: «Zählt Traubenzucker als Nahrungsmittel? Darf ich das in meiner Bauchtasche mitnehmen?» Einer der Männer erklärt mir, dass der Einsatz hier besonders schwierig sei: «Wir können die jungen Damen ja nicht grob anfassen, wenn sie zu drängeln beginnen. Wir wollen ihnen nicht wehtun.»

4:00 Uhr
Mittlerweile habe ich das Gefühl ich kenne Justin über drei Ecken persönlich. Er könnte auch der heisse Cousin einer Freundin sein, so gut wissen die Beliebers vom Leben ihres Schwarms Bescheid.
«Ich weiss sogar exakt um welche Zeit Justin geboren ist. Das weiss ich nichtmal von mir selbst!», meint Ulrike. Und ihre Zwillingsschwester erzählt, dass sie sogar seinen Geburtstag gefeiert hätten: «Wir hatten einen Kuchen mit seinem Gesicht drauf und Ballons!»

6:30 Uhr
Ich habe mich für zwei Stunden schlafen gelegt. Meine Beliebergirls jedoch sitzen schon in der Schlange vor dem Einlass. Jedes Grüppchen, das sich nähert, wird argwöhnisch Beobachtet und kommentiert: «Frischfleisch kommt!» oder «Schön hinten anstellen!» Denn: Ordnung muss sein. Und zwischen Justin und meine Mädchen stellt sich keiner! Ich kann sie verstehen.

7:50 Uhr
Die Spannung steigt. Denn in wenigen Minuten öffnen sich die Tore zur eingezäunten Warteschlange und damit die Möglichkeit, während des Konzerts in der ersten Reihe zu stehen. Die Security-Fachkräfte des Veranstalters sind bis zur Erschöpfung eingespannt bei so vielen singenden, kreischenden und streitenden Mädchen. Das Gedrängel ist – trotz Nummern-Prinzip – gigantisch. Dramatische Szenen spielen sich ab: Beim Einlass kommt es fast zur Massenpanik. Heulende Mädchen und dazwischen überforderte Eltern, die versuchen ihre Kinder zu beruhigen. Vergeblich natürlich. Bei Justin gibt es keine Ruhe mehr.

8:15 Uhr
Endlich dürfen die ersten, nämlich die mit den Nummern, reingelassen werden. Vor Freude weinend rennen sie durch die Gittergänge und wissen: «Heute Abend bin ich Justin ganz nahe!». Auch das Problem mit Wasser, Essen und WCs hat sich inzwischen gelöst: Vereinzelt dürfen die Mädchen nach draussen, um sich zu versorgen. Denn selbst der Veranstalter kann sich gegen so viele waschechte Beliebers und ihre Rechte nicht wehren!

Ich muss mich schweren Herzens von meinen Girls trennen und hoffe, dass sie den besten Abend ihres Lebens haben werden. Auch wenn sie danach erst Mal vor Herzschmerz kollabieren und aufs nächste Konzert warten müssen.


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46 Kommentare

Christoph Regenscheit vor 18 Tagen
Maria Schädler, ich gratuliere ihnen jetzt schon zu Ihrer frühen Rolle als Grossmutter. Bravo,
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Antwort
Maria Schädler vor 2 Monate
Ich gehöre zu den Müttern, die das zulassen. Und ich freue mich für meine Töchter, dass sie seit Jahren treue Beliebers sind. Und: sie lernen, sind anständig und das, obwohl sie wie Penner übernachten.
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Antwort
Antwort von Leila vor 2 Monate
Tolle Mama !
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Antwort
Tt vor 2 Monate
Sorry, aber die mädels sind nicht ganz dicht, inkl. Den Eltern welche das zulassen.
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