Ich habe einen Monat ohne Smartphone überstanden

Unsere Redaktorin lebt seit einem Monat ohne Smartphone. Das bedeutet: Kein Internet, keine Selfies und vor allem kein WhatsApp. Verpasst man da nicht etwas?

Seit knapp einem Monat habe ich kein Smartphone mehr. Nicht weil ich das so will, sondern weil mein iPhone nach einem Zweimetersturz auf dem Boden zerschmetterte, dabei zusätzlich noch in einer Pfütze landete und mit Wasser volllief. So endete also auf tragische Weise meine zweijährige Beziehung zu meinem geliebten Smartphone.

Nach der ersten Panikattacke inklusive vieler Tränen muss ich mich aber zusammenreissen und mir die wichtige Frage stellen: Was nun? Für ein neues Modell habe ich kein Geld. Ganz ohne Mobiltelefon würde ich aber auch nicht überleben, weil man ja doch erreichbar sein muss für Freunde, Arbeit und die immer besorgte Mutti.

Nach acht Jahren auferstanden

Also suche ich nach meinem alten Handy, das ich mit weiser Voraussicht nie weggeworfen hatte. Hinter verstaubten Kisten ganz oben in meinem Wandschrank finde ich es in seiner glanzvollen, alten Schönheit: Mein Sony Ericsson Cybershot C901. Selbst das Ladekabel liegt daneben. Nur meine Simkarte passt natürlich nicht mehr. Ein Sim Card Adapter kostet weniger als zehn Fränkli, das geht also.

Karte eingesetzt und Handy läuft: Voll nostalgischer Spannung durchstöbere ich das alte Ding. Dabei finde ich peinliche Selfies, Fotos meiner verstorbenen Katze und erste Flirtversuche via SMS mit meinem Schwarm von vor acht Jahren. Auch die Lieder, die wir uns damals in der Klasse via Bluetooth geschickt haben, sind noch drauf. Von Flo Rida über Jesse McCartney bis zu Peter Fox. Wundervoll! Und dann schreit es plötzlich «It‘s Britney Bitch!» aus meinem Handylautsprecher – selbst der alte Klingelton schaffte es ins Jahr 2017, sehr zur Freude meiner Mitarbeiter.

Nachdenken ist gar nicht so schwer

Im Grunde vermisse ich mein Smartphone gar nicht wirklich. Mal eben schnell den SBB-Fahrplan anschauen oder eine Adresse googeln ist zwar schön und bequem, es geht aber auch ohne. Ich habe mich recht schnell damit abgefunden, mir solche Dinge entweder zu merken oder wichtige Adressen vorher aufzuschreiben. Der drei Tage anhaltende Akku lässt mein Herz umso höher schlagen.

In meiner neugewonnenen Zeit, die ich nicht mehr mit stundenlangem Scrollen durch Insta und Facebook verschwende, entdecke ich fast altertümlich anmutende Möglichkeiten, mir die Zeit totzuschlagen. In meiner Verzweiflung greife ich mal wieder zu einem Buch, entdecke aus dem Bus starrend die Schönheit der vorbeiziehenden Landschaft oder belausche meine Sitznachbarn bei ihrem Tratsch und Klatsch.

Was ist schon wieder eine SMS?

Einzig mein Fehlen in sämtlichen Gruppenchats nervt. Ich verpasse erschreckend viele Insider, ganze Konversationen und so ziemlich jeden Screenshot aktueller Beziehungskrisen. Sowieso ist mein Kontaktkreis auf eine Handvoll Leute zusammengeschrumpft, die es schaffen sich ganz retro via SMS bei mir zu melden. Die ganz Mutigen rufen sogar an, um sich mit mir zu verabreden.

Auf Facebook dagegen bekomme ich Nachrichten wie «Hey ist dein Handy kaputt? Meine WhatsApp-Nachricht kommt nie an». Wieder andere merken nicht einmal, dass nur ein Häkchen erscheint, und spammen mich in der App weiter zu. Genau diese Genies zicken mich dann aber an, wieso ich nicht antworte. Ich frage mich ehrlich, was so tragisch an einer schön altmodischen SMS ist – meine Oma schafft das auch.

Nostalgie ist schön aber unpraktisch

Nach vier Wochen leben mit meinem Handy voller pubertärer Erinnerungen, habe ich mich an die Tastenbedienung und die fehlenden Apps gewöhnt. Meine Familie allerdings nicht. Die vermissen mich im Familienchat und meine Oma versucht mich immer noch über Facetime anzurufen. Auch für meinen Job kann ich unterwegs keine Mails öffnen oder die News Online lesen. Die Smartphone-Pause ist zwar für meine Nerven und meine Nostalgie ziemlich schön, in der heutigen Zeit aber leider ein bisschen unpraktisch.


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31 Kommentare

Sarina vor 4 Monate
Immer diese Kommentare mit "ich muss nicht immer erreichbar sein". Wer sagt bitte das man immer sofort abnehmen oder zurückschreiben muss? Jeder kann selbst entscheiden wann er erreichbar sein will, ob man nun ein Smartphone hat oder nicht, sehr unlogisch diese Ansicht... Aber ich selbst gönne mir diesen Luxus sehr gerne alles abrufen zu können was ich gerade benötige 😃 !
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Anton B. vor 4 Monate
Smartphone? Das liegt bei mir seit 3 Jahren irgendwo unter dem Sofa. Was soll ich damit? Für Internet gibt es PC und wenn ich draussen bin brauche ich kein Internet. Das ganze wird seit Jahren gehypet aber wenn wir ehrlich sind braucht niemand so ein Teil. Was macht man denn wirklich nützliches damit wenn man unterwegs ist? Gar nichts.
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Shon vor 4 Monate
Ich kontaktire viel mit meinen ausländischen Kunden über Viber, da es einfach sehr viel günstiger ist. Auch E-Mails jederzeit abrufen zu können ist natürlich sehr praktisch. Was den privaten Gebrauch angeht, würde ich problemlos ohne Smartphone auskommen. Aber komplett auf ein Mobiltelefon zu verzichten, kann ich mir ehrlich gesagt, nicht mehr vorstellen.
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SpannendeSache vor 4 Monate
Für ein neues Smartphone, welches in einer akzeptablen Ausführung schon ziemlich preiswert zu haben ist, fehlt das Geld, aber 10.- sind dann "Fränkli".
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