Das Dschungelcamp von Bern

Im Berner Bremgartenwald lebt eine handvoll Männer – trotz Stress mit dem Staat. Unser Redaktor hat sie besucht und mit ihnen eine Friedenspfeife geraucht.

Einige Männer aus der alternativen Berner Szene haben die Schnauze voll von der turbokapitalistischen Gesellschaft. Mit einem improvisierten Blachendach, einer kleinen Feuerstelle, zwei Hunden und einer Katze leben sie im Bremgartenwald und wollen eigentlich nur gechillt einen auf Steinzeitmensch machen. «Into the Wild» in einem Berner Wäldli.

Im Frühling entdeckte der Förster dank einer Drohne zufällig ihr Camp, die Medien kamen vorbei, die Polizei ebenfalls. Eigentlich hätten sie ihr Lager im April räumen sollen. Aber sie sind immer noch da.

Gut versteckt

Ich wollte mir genauer ansehen, wie die Waldmenschen von Bern leben. Via Facebook kann man sie erreichen. Einer der Bewohner besitzt nämlich ein Handy und lädt seine Powerbank in ÖV-Wartehäuschen, bis er da herausgeschmissen wird. «Lauf einfach durch den Wald, du findest uns schon», schreibt er mir. Das muss als Wegbeschreib reichen.

Ich irre eine halbe Stunde durch den Wald, den ich mir kleiner vorgestellt habe. Eine Joggerin und eine Spaziergängerin geben mir entgegengesetzte Himmelsrichtungen an und ich verstehe, wie es die Waldgeister geschafft haben, sich über ein Jahr lang zu verstecken. Ich stapfe zufällig über Trampelpfade, bis mein Hippie-Radar auf leise Gitarrenmusik anspringt. Ein bellender Hund springt aus dem Gebüsch.

Kaffee und Friedenspfeife

«Hey», ruft mir ein bärtiger Typ zu. «Herzlich willkommen in unserem Lager!» Der 45-jährige «Chrütli» – so nennt er sich – ist der Lagerälteste. Er trägt den längsten Bart, wohnt am längsten hier und spricht auch am meisten. Ich bekomme als erstes Kaffee angeboten, der 22-jährige Mätu fragt mich, ob ich mit ihm musizieren will und eine selbstgeschnitzte Pfeife mit Gras macht die Runde. Klar. Menschen müssen Essen, Hippies müssen Kiffen.

«Wir wollen frei sein und die Entscheidungen über unser Leben selbst treffen», erklärt Chrütli und stellt eine verkrustete Kaffeekanne aufs Feuer. «Im Wald können wir zum ursprünglichen Menschenleben zurückfinden», erklärt er und klebt dabei eine Pfeife mit Harz wieder zusammen.

Neandertaler von nebenan

«Man hört immer, ein echtes Naturleben gäbe es nur noch in Indianerreservaten oder in Afrika», sagt Withold. «Aber wir sind in der Schweiz geboren und wollen hier leben. Und damit können wir anderen zeigen, dass man auch in Bern als wilder Mensch leben kann.»

Der 24-Jährige trägt mittelalterliche Kleidung, wie man sie von Live-Rollenspielen kennt. «Früher habe ich viel gezockt», sagt er. «Bis ich gemerkt habe, dass das Leben das bessere Rollenspiel ist. Aufleveln kann ich auch im Wald. Learning by doing.»

Stress mit dem Staat

Als eine zweite Pfeife die Runde macht, frage ich sie, wieso sie kein Hanf anbauen. «Das kommt noch, vielleicht nächstes Jahr. Aber die Rehe essen das Gras eh gleich weg», sagt Chrütli. Ob ich das schreiben darf, obwohl sie Stress mit dem Staat haben? «Klar!» Angst kennen sie keine.

Nach dem ihr illegales Lager aufgeflogen ist, begann der Rechtsstreit. Die Waldgeister berufen sich auf die Niederlassungsfreiheit der Verfassung, der Waldbesitzer (die Burgergemeinde Bern) will sie weggejagt haben. Die Polizei hat ihnen eine Busse vorbeigebracht, die Männer weigern sich, diese zu zahlen. «Wir bleiben hier», sagt Chrütli bestimmt. «Mit einem guten Anwalt könnten wir vor Bundesgericht vielleicht sogar erreichen, dass das Leben an unbenutzten Waldstellen zukünftig legal wäre.»

«Wenn ich einen Hasen schiesse, drehen alle durch»

Auch wenn Chrütli und seine Crew im Wald Pilze sammeln, kaufen sie trotzdem Lebensmittel beim Discounter. Für die paar Hundert Fränkli, die sie monatlich brauchen, verkaufen sie Schnitzereien oder machen Strassenmusik. Sie bekommen auch Spenden von Freunden oder Familie.

Ich frage die Waldhippies, ob sie das Waldleben nicht etwas härter durchziehen wollen. Im Denner einkaufen, an der Einkaufsstrasse betteln und im Brunnen Wasser holen – das ist doch nicht «real». «Ich würde am liebsten das Hardcore-Steinzeit-Leben führen», sagt Mätu. «Aber dafür gibt es in der Schweiz keinen Raum. Wenn ich hier mit Pfeil und Bogen einen Hasen schiessen würde, würden alle durchdrehen.»

Kontakt zur Aussenwelt pflegen die Waldmänner durchaus. «Letzte Weihnachten hatten wir acht Leute aus der Familie hier zu Besuch», sagt Chrütli. «Wir haben über dem Feuer Fondue gegessen.» Aber wenn sie am Wochenende mal auf den Strassen unterwegs sind, bemerken sie, dass sie doch etwas anders sind. «Viele scheinen sich einfach nur zuzuknallen», sagt Withold. «Ich verstehe nicht ganz, was das soll. Aber wir wissen ja: Lachend geht die Welt zu Grunde», sagt er.


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43 Kommentare

Lisa vor 19 Tagen
Super macht ihr das. Man muss nicht immer etwas leisten um ein guter Mensch zu sein. Vor lauter immer mehr Leistung zu bringen, geht unsere Welt kaputt. Ist das das Ziel ? Niemand muss sich in ein Burnout ziehen lassen. Wenn es keine anständigen Jobs mehr gibt, lebt man eben im Wald. Das ist auch am umweltfreudlichsten. Diese Menschen sollten Prämien bekommen, dass sie nachhaltiger leben als die meisten Menschen. Wo seid ihr denn, kann ich euch etwas Geld bringen ?
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Ivan vor 1 Jahr
Weiter so Leute..... Liebe gruess am chrüttli-tinu....... alter Schulkollege.... Ivan
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Silvia Neuhaus 2504 Biel vor 1 Jahr
Jhr macht daß schon richtig Leben+leben lassen!jch bewundere Euch schade,dass ich in Biul wohne,sonst würde ich ihnen auch ab +zu etwas zu essen bringen alles Gute macht nur so weiter liebe Grüesse Silvia aus Biel
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weedinator vor 1 Jahr
Also eigentlich sind sie ja nur Obdachlose die im Wald wohnen statt in der Stadt. Wo ist das Problem? Würde die Obdachlosen dies auch in Amerika tun, hätte man kein Obdachlosen-Problem mehr. Oder wollt ihr auch alle Obdachlosen aus der Stadt verbannen und zwingen in einer Wohnung zu wohnen? Denn alles andere wäre einfach nur scheinheilig.
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