Als Grossstadt-Cowboy in den Bergen

Wie kann man in der Schweiz leben und die Berge nicht kennen? Wir haben unseren Redaktor genötigt, seine Komfortzone in der Stadt zu verlassen und die Schönheit der Schweizer Alpen zu entdecken.

6:34 Uhr
Ja, ich bin eines dieser Arschlöcher, für die als Kind Leseverbot die Höchststrafe darstellte. Die gab es zum Beispiel, wenn beim Violinen-Vorführabend die Nachbarstochter mehr Applaus bekam als ich.

Gern rede ich mir selbst ein – und erzähle auch anderen immer wieder mal – dass mein Auszug mit 16 Jahren aus dem wohlbehüteten Obere-Mittelklasse-Familien-Nest in die Millionenmetropole Wien mich dahingehend geerdet hätte, die Bürden der Bourgeoisie abzulegen und mich frei wie ein Vogel und wild wie ein Wildschwein dem wahren, kalten, rauen Leben zu verschreiben. 


Auf zu neuen Ufern

Dass dieses Leben nun lange Zeit von meinem (im übrigen abgebrochenen) Literaturstudium und mehrjähriger WG-Erfahrung mit anderen Vertretern der Neo-Bohème dominiert wurde, muss ja niemand wissen. Hey, wir wollten mit unseren Impulstanz-Kunstperformances die Welt verändern!

Heute sitze ich hier, fühle mich immer noch ziemlich rebellisch mit meinen 28 Jahren und meinen Katzen-Tattoos und meinem Second-Hand-Macbook-Air. Heute sitze ich ausserdem auch hier und fühle mich etwas unwohl, weil ich das erste Mal in die Berge fahre. Also so richtig. Endstation: Davos.

Der Tod lauert überall

Klar, als Kind war ich in Kitzbühel und so. Mit den Eltern. Aber erstens ist das lange her und zweitens wusste ich schon damals, dass ich nicht viel für Naturwunder und  das ganze Pi-Pa-Po aufbringen kann, möchte und werde. Quite frankly, ich habe ziemlich Respekt vor dem ganzen Zeugs. Tsunamis, Hurricanes, Lawinen, Wasweissdennichwasnochalles. Der Tod lauter überall, sobald du das Haus verlässt.

Den Nervenkitzel überlasse ich liebend gerne Leuten, die sich freiwillig daran aufgeilen, sich in Situationen zu begeben, in denen sie ständig in Gefahr schweben, von irgendwelchen – ganz bestimmt sehr faszinierenden, aber gleichzeitig auch sehr tödlichen Naturgewalten – erschlagen, ertränkt, erstickt oder auf sonst eine unangenehme Art und Weise aus dem Leben gerissen zu werden.

9:51 Uhr
Während das Feuer der Teenage-Angst in mir wieder zu lodern beginnt und mich daran erinnert, dass mein damaliges Möchtegern-Gothic-Ich gern mal Sprüche wie «Ich hänge eh nicht so sehr am Leben» auskotzte, bevor es sich in selbstzerstörerische Alkohol- und Sexeskapaden stürzte, ruft die Stimme der Vernunft in mir: «Halt inne! Es gibt noch so viel zu entdecken! Zum Beispiel das Staffelfinale von ‹How To Get Away With Murder› im Januar oder diesen veganen Burgerladen, den du letztens fast besucht hättest.» 



Not today, Satan!


Die Stimme der Vernunft kann mich aber heute mal, darum trotte ich meinen Kollegen hinterher, die mich hierhin mitgeschleppt haben. Sie sind für meinen Geschmack zwar ein bisschen zu überenthusiastisch. Aber ich muss aufhören, mir in meiner selbstattestierten Weltoffenheit ständig selbst im Weg zu stehen. Ich weigere mich einfach, heute von einer Lawine überrollt zu werden, von einer Klippe zu stürzen oder im Sessellift zu erfrieren. Not today, Satan, not today! Todesmutig stelle ich mich also den Bergen...



11:11 Uhr
Erkenntnis des Tages: Wildlederboots von Rick Owens mögen zwar gut aussehen, halt aber nicht, was ihr Preis verspricht. Zumindest nicht nach einer Wanderung bergauf durch matschige, kalte, schneelose Wiesen. Überhaupt bin ich wohl falsch gekleidet für diese Art von Unternehmungen. Ich friere, ich habe Hunger, meine Füsse sind nass und ich will eine rauchen. Immerhin lebe ich noch.

14:21 Uhr
Bin jetzt oben. Viel höher gehts nicht. Zugegebenermassen bin ich auch nicht den ganzen Weg zu Fuss hier raufmarschiert, es gibt Gondeln und Lifte. Trotzdem bin ich irgendwie stolz. Die Saison steht gerade am Anfang, noch sind nicht allzu viele Leute hier und mich überkommt sogar eine ganz schlimme Welle von Kitschromantik. Könnte jetzt glatt einen Heimatroman schreiben, mit einer Prise Erotik und ganz viel Gefühl.

Voll Sehnsucht im Herzen blickt Hannah dem güldenen Sonnenuntergang entgegen, der sanft die Gipfel der Alpen streichelt und den Tag verabschiedet. Sie erinnert sich an die von kühler, frischer Bergluft umdufteten Tage – und natürlich die von heisser Lust und Ekstase vernebelten Nächte – die sie einst hier oben mit ihrem geliebten Jerome verbracht hatte. Sie hatten einander geschworen, für die Ewigkeit vereint zu bleiben, gemeinsam, einsam, zu zweit in der Romantik ihrer keinen, unbeheizten Almhütte. Ohne Strom und fliessend Wasser. Doch der Berg nahm Jeromes junges Leben. Was er jedoch nicht nahm? Hannas Liebe…

15:45 Uhr
Okay. Ich sags jetzt einfach mal: Es ist gar nicht so scheisse, wie ich erwartet hatte. Irgendwie ist es sogar ganz cool. Ich verstehe jetzt, warum sich so viele Leute auf das ganze Gedöns freuen. Kann mir ja selbst ganz klar bei weitem schlimmere Dinge vorstellen, als meine Freizeit hier zu verbringen. Zum Beispiel: Nackt zusammen mit DJ Antoine in einer finnischen Dampfsauna eine CD mit entspannenden Panflöten-Melodien anzuhören.

Die Aussicht, die Luft und (ja, sorry, das muss jetzt sein) diese Freiheit hier oben sind schon ziemlich schön.

21:36 Uhr
Bin zuhause. Komme wieder.


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5 Kommentare

Philipp vor 4 Monate
Nur ist die Fuxegufer Hütte nicht auf der Parsenn, sondern auf dem Jakobshorn. Wahrscheinlich hat das der Stadt Cowboy aber sowieso nicht gemerkt.
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Berglerin vor 4 Monate
Peinlich, solche "Gross"stadt-Trottel sollten gar nicht erst ihre betonierte Stadtwohnung verlassen. Ihr seid bei uns oben eigentlich auch gar nicht willkommen 😉
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Staibock vor 4 Monate
Wir Bündner mögen die Zürcher schon... aber lieber haben wir wenn Sie uns einfach nur das Geld schicken und dort bleiben wo sie sind
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Antwort von Pestalozzi vor 4 Monate
Mehr Dankbarkeit wäre angebracht! Zürich gehöhrt schliesslich zu den Geber-Kantonen.
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