Ich habe zwei Monate ohne Social Media gelebt

Ohne Instagram und Facebook läuft für unsere Generation nichts. Doch wie fühlt es sich an, ganze zwei Monate auf Social Media zu verzichten? Unsere Redaktorin hat einen digitalen Detox gemacht.

Social Media ist unser digitales Fenster zur Aussenwelt: Wir haben die Möglichkeit, immer auf dem Laufenden zu sein, uns miteinander zu vernetzen und News aufzusaugen – sei das auf dem Klo, im Supermarkt oder im Flieger. Doch einige kritische Stimmen im Netz sind der Meinung, dass wir durch die ständige Nutzung von Instagram, Snapchat und Facebook auf dem besten Weg seien, digitale Zombies zu werden, die nur noch nach virtueller Aufmerksamkeit gieren.

Die Massenpanik nach Anerkennung und der allgemeine Drang beliebt zu sein, springen uns nicht nur aus Selfies auf Instagram entgegen – sie sind allgegenwärtig. Auch meine Beziehung zu sämtlichen sozialen Medien könnte man als Hass-Liebe bezeichnen. Meine Unsicherheit reicht so weit, dass Bestätigung von außen – Likes, Herzchen und Re-Posts – traurigerweise mein Selbstwertgefühl aufwerten.

Ich habe die Schnauze voll davon. Ich will keine Abhängige meiner Insta-Likes mehr sein – deswegen deaktivierte ich für zwei Monate all meine Accounts, um herauszufinden, wie nah wir dem Internet-Inferno wirklich sind.

Woche 1 bis 3: «I need to instagram this!»

Mein Selbstversuch beginnt mit dem Löschen all meiner installierten Social-Media-Apps. Größer als der Trennungsschmerz ist allerdings die Erleichterung, die mich sofort überkommt: Der Druck, jeden Tag etwas Interessantes erleben oder sehen zu müssen, um online damit prahlen zu können, fällt komplett weg. Ab und zu geistert mir in bestimmten Situationen «I need to instagram this!» durch den Kopf. Es dauert eine Weile, bis ich wirklich abschalten kann und nicht mehr den Drang verspüre, alles dokumentieren zu müssen.

In den ersten Wochen wird mir immer mehr bewusst, wie oft ich das Handy unnötigerweise in den Händen gehalten habe. Lange Warterei im Arztzimmer? Facebook checken. Der Bus steckt im Stau? Scroll ich halt durch meinen Twitter-Feed. Mittagessen bei der Arbeit? Instagram unterhält mich währenddessen. Die Nutzung der Apps war eine Möglichkeit, mein Umfeld auszublenden und mich abzulenken. An sich nichts Schlimmes, allerdings habe ich dadurch wichtigen Aspekten zu wenig Beachtung geschenkt: Wie fühle ich mich gerade? Wieso habe ich das Gefühl, die ganze Zeit etwas tun zu müssen? Wieso muss ich mich dauernd ablenken?

Woche 4 bis 7: Ich fühle mich abgeschnitten – und befreit

Um die Wahrheit zu sagen: Ich fühle mich etwas abgeschnitten. Von meinen Freunden und von den Ereignissen um mich herum. Manchmal piept mein Handy – ist dann aber doch nur Mama. Das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, kommt auf.

Eine der größten positiven Veränderungen ist wohl die neu gewonnene Freizeit. Vor meinem Experiment habe ich morgens vor dem Aufstehen mindestens eine halbe Stunde nur mit dem Checken meiner Feeds verbracht. Abends dieselbe Nummer. Dabei klatschte ich mir so viel unnötigen Schwachsinn in mein Hirn – das hat sich jetzt um 180 Grad gedreht: Morgens starte ich mit Yoga und Meditation in den Tag, um meinen Kopf zu leeren.

An freien Tagen nutze ich die Zeit für Kreatives und fühle mich in mein 13-jähriges Ich zurückversetzt: Ganze Nachmittage gehen für selbstgebastelte Mixtapes drauf, ich lese alles was mir zwischen die Finger kommt und schaffe es sogar, alte Hobbies wie das Skaten wieder aufleben zu lassen.

An dieser Stelle würde ich jetzt gerne schreiben, dass ich trotzdem jeden Tag weiss, was in der Welt so passiert. Hätte ja anfangen können Zeitung zu lesen. Tatsächlich war ich in dem Punkt etwas faul. Es hat mich sogar entlastet, Weltereignisse nicht sofort mitzubekommen. Viele Geschehnisse habe ich ausschließlich Mund zu Mund mitbekommen – und wurde dann angeglotzt, als wäre ich von einem anderen Stern, als klar wurde, dass die besagten News neu für mich waren.

Woche 8: Neue Prioritäten setzen

In der letzten Woche spüre ich das nervöse Zucken in meinen Fingern. Die Vorfreude steigt, umso näher ich dem Ende meiner Detox-Erfahrung komme. So Einiges nehme ich aus den acht Wochen digitaler Enthaltsamkeit mit: Ich kann erleichtert sagen, die Kontrolle wiederzuhaben. Beim Aufwachen gilt mein erster Gedanke eher dem Frühstück, das ich mir reinziehen werde, als mein blinkendes Display entsperren zu wollen. Die Dringlichkeit, mich sofort mit Allem und Jedem befassen zu wollen, spüre ich nicht mehr.

Es ist okay, sich von der Flut an Informationen überfordert zu fühlen. Es ist okay sich einzugestehen, eine Pause von seinen Online-Freunden zu brauchen. Es ist okay, nicht immer über alles sofort Bescheid zu wissen – das macht einen noch lange nicht zum Hinterwäldler. Und nein, sozial verkümmerte Zombies werden wir garantiert nicht, nur, weil wir uns lieber Snapchat-Storys und Poop-Emojis schicken als anzurufen. Jede Generation hat ihre Form der Kommunikation. In den 2000ern waren das E-Mails und SMS schreiben auf riesigen Nokia Handys, die die Apokalypse überstanden hätten. Heute läuft das eben über soziale Medien – und das ist völlig okay so. 


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59 Kommentare

Angemeldet vor 6 Monate
Ich habe: Twitter, Facebook, Twitch, Instagram, Whatsapp und theoretisch Snapchat sowie Jodel. Warum? Darum. Ich twittere, wenn ich Bock habe, melde mich auf FB an, wenn ich Bock habe, gucke mir Streams alternativ zum Fernsehen an, jodle wenns mir passt und sehe Landschaftsfotografien auf Instagram an. Bin ich was Besseres? Was Schlechteres? Nein. Ich nutze ein vorhandenes Angebot, wie ich es eben möchte. Weil ich es möchte. Unf es so für mich stimmt.
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MArtin vor 6 Monate
Wer ewig denn dran hat, Likes zu bekommen und zu jedem Post seinen Senf dazu zugeben, hat echt kein Leben. Was bringt euch das ? Ego-Push ? na von mir aus. In denn nächsten 5 Minuten ist eurer Like und Post nichts mehr Wert, weil 10.000 andere genau das Gleiche machen, na gecheckt ?
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BOSS vor 6 Monate
Frei nach ALF: NUL PROBLEMO Durch die ewigen willkürlichen Sperrungen der Gesinnungs-GESTAPO mit 600 STASI Steigbügelhaltern in Berlin macht das Fakebook eh keinen Spass mehr.
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Rb vor 6 Monate
Ich habe mich vor 3 Jahren von dem ganzen Müll getrennt. Seit da lebt es sich wieder ganz entspannt👍🏻
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