«Sogar auf dem WC ist man voneinander abhängig»

Drei Deutsche gehen zusammen auf Reisen und verzichten dabei aufs Hören, Sehen und Sprechen. Mit uns sprachen die Protagonisten des Filmes «Drei von Sinnen» über ihre Reise, Isolation und Abhängigkeit.

Zu Fuss vom Bodensee bis zur französischen Atlantikküste. Eigentlich klingt das nach einem lockeren Roadtrip-Plan, den David Strumpp (30), Jakob von Gizycki (28) und Bart Bouman (30) sich bereitgelegt haben. Doch dann machen ihnen drei Affen einen Strich durch die Rechnung. Jene Affen – eigentlich entstammen sie einem japanischen Sprichwort – die wir heutzutage gerne als Emojis in unseren Whatsapp-Gesprächen verwenden. Einer verdeckt sich den Mund, ein anderer die Augen und der dritte im Bunde die Ohren.

Und genau dies taten die drei deutschen Jungs im Sommer 2014 und verzichteten während ihren drei Reisewochen ganz auf diese Sinne. «Wir wollten rausfinden, was es mit uns macht», erklärt Architekturstudent Bart. Jeweils einer durfte nichts sagen, der andere nichts hören und einer nichts sehen. Die Handicaps wurden wöchentlich abgetauscht. Die Augen wurden mit Pflastern, die Ohren mit einem rauscherzeugenden Kopfhörer abgedeckt. Daraus entstand nun der Dokumentarfilm «Drei von Sinnen».

Streit um Essen

Ich sitze mit David und Bart an der Aare in Bern, einige Stunden bevor sie ihr filmisches Baby im Cinématte dem Berner Publikum präsentieren und sinniere mit ihnen über ihre intensiven Reiseerfahrungen. «Es war uns wichtig, dass wir uns nicht auf das Experiment vorbereiten», erklärt David und erzählt weiter: «Wir dachten es wird einfach ein witziges und verrücktes Unterfangen. Und ein Urlaub, bei dem die Sonne scheint.»   

Doch anstatt Sonne gabs viel Regen und statt Erholung gabs Stress, Missverständnisse und Konflikte zwischen den Freunden, die dank ihres eingeschränkten Seins sozusagen von der kleinen Gruppe zu einem einzelnen Menschen morphten. David erinnert sich zurück: «Die Hilfe von anderen zu beanspruchen während sie gleichzeitig auch Hilfe brauchten, das war schwierig.» Weiter erklärt er: «Wenn man beispielsweise nichts sieht, ist man in allem abhängig: Wenns um Essen oder den Schlafplatz geht. Sogar auf dem Klo.» Manchmal habe man sich gar nicht getraut, die eigentlich vertrauten Freunde um etwas zu bitten. So entstanden Kommunikationsschwierigkeiten. Denn während der Nicht-Sehende seine beiden Kumpels anzickte, dass er zu wenig Dosenravioli erhalten hatte, starren die beiden verwirrt auf seinen Teller. Er hatte die grösste Portion.

«Ich habe noch nie so bewusst Musik gehört»

Doch wider Erwarten war auf der Reise nicht das Nicht-Sehen das Schlimmste, sondern das Nicht-Hören. Auf die Begriffe «blind», «taub» oder «stumm» verzichten die Jungs aus Respekt denen gegenüber, die wirklich mit jenen Behinderungen leben. «Nur zusammen verfügten wir über alle unsere Sinne und so entstand eine unglaubliche Intimität, aber trotzdem fühlte man sich als Nicht-Hörender extrem isoliert», meint Bart. Man verstand nichts, die Kopfhörer drückten und das Rauschen wurde in den sieben Tagen unerträglich.

Auch wenn solch ein Moment ultraschlimm klingt, hatten die jungen Männer natürlich auch viele schöne Momente: Für Bart war es, als er seinem nicht sehenden Kumpanen die schönste Passage des Jakobswegs erklären durfte. Es hat dazu geführt, dass er jedes einzelne Detail der Umgebung erklärt habe. «Die Steine, die Bäume, die Wolken. Ich habe mich dann in einen echten Endorphinrausch geredet», lächelt er. Auch David weiss genau welcher Moment ihn verzaubert hat. Als er sich – auch mit zugeklebten Augen – in einer Kirche wiederfindet und einem Chor lauscht: «Noch nie hab ich Musik als so unglaublich schön und berührend wahrgenommen und dabei so bewusst zugehört.»

Kinoeroberung auf eigene Faust

Das haben die Jungs auch für sich nach dieser Reise mitgenommen. «Dass man häufiger die ganz gewöhnlichen und kleinen Dinge wertschätzt», sind sie sich einig. Und am Schluss standen sie auch am Atlantik. Ziel erreicht. Die Freundschaft ist immer noch erhalten. Und obwohl alles eher anstrengente, war es das Ganze trotzdem Wert. Rückblickend etwas anders machen kommt auch nicht in die Tüte.

Neue Reise-Experimente stehen trotzdem nicht an. Die sinnlosen Affen touren zuerst mal mit ihrem Selbstfindungs-Freundschafts-Into-The-Wild-Dokfilm durch die Kinos Deutschlands und der Schweiz. Zum Beispiel am Samstagabend in Zug oder nochmals in Bern am Sonntag.


Kommentar schreiben

11 Kommentare

Tilo S. vor 3 Monate
Hab den Film gestern gesehen. Wirklich empfehlenswert!
13
1
Antwort
Pup Rusty vor 3 Monate
Coole Idee!! Und Gratuliere für euren Mut! 😃
14
2
Antwort
James vor 3 Monate
So wie die ausschauen, haben die auch noch nie bewusst gearbeitet. Passt also alles.
12
60
Antwort
Antwort von Seraina vor 3 Monate
Wie sieht den jemand aus der bewusst arbeitet ? Ist es der Anzug träger ? oder doch ehner ein Mensch der alternative Kleidung anzieht? Können Sie wirklich vom Aussehen auf eine Arbeit sogar auf die Arbeitsleistung schliessen?
19
2
Antwort
Justin Bieber arbeitet jetzt auf dem Feld

Justin Bieber arbeitet jetzt auf dem Feld

Worüber lügen wir in sozialen Medien?

Worüber lügen wir in sozialen Medien?

Getraust du dich in diesen gespenstischen Wasserpark?

Getraust du dich in diesen gespenstischen Wasserpark?

Die widerlichste Fussmassage aller Zeiten

Die widerlichste Fussmassage aller Zeiten