Er ernährt sich aus der Mülltonne

Des einen Müll ist des anderen Schatz. Dumpster Diver durchwühlen den Abfall von Grossverteilern, um Foodwaste zu minimieren und nebenbei Geld zu sparen. Wir haben einen von ihnen auf seiner Tour begleitet.

Ungefähr ein Drittel aller Lebensmittel, die weltweit produziert werden, landet letzten Endes im Abfall. Seien wir mal ehrlich: Foodwaste ist scheisse. Und dabei geht es nicht nur darum, wenn du den halben Döner von letzter Nacht wegwirfst, sondern auch um Grossverteiler. Ist ein Produkt abgelaufen oder lässt es sich aufgrund von Schäden nicht mehr verkaufen, müssen die Läden es entsorgen.

Umweltbewussten Menschen ist das ein Dorn im Auge und um der Verschwendung entgegenzuwirken, fischen einige von ihnen die angeblich schlechten Sachen wieder aus dem Müll. Marco* ist einer dieser Dumpster Diver. Der 29-Jährige durchsucht regelmässig Container nach Lebensmitteln. Ich habe ihn auf einem seiner Abfall-Tauchgänge begleitet.

Overdressed im Müll-Container

Es ist zirka 22 Uhr als ich Marco in Zürich treffe. «Gut, dass du auch einen Rucksack dabei hast», sagt er. «Heute könnte ein guter Tag werden.» Er habe bereits beim Vorbeigehen einen Blick in einen Container geworfen – «beim Denner sieht es ziemlich gut aus».

Als wir die Aktion planten, dachte ich, wir würden über Zäune klettern, Schlösser knacken und eventuell sogar vor der Polizei flüchten müssen. Wie ein wahrer Tunichtgut hatte ich sogar meinen Kapuzenpullover angezogen – easy gangster und so. Wie sich bereits beim ersten Container herausstellt, fühlt sich Dumpster Diving aber trotz Illegalität nicht wirklich kriminell an. Mitten in der Stadt, direkt neben einer viel befahrenen Strasse, wühlen wir ungehindert im Müll und kein Schwein interessiert sich für uns. Anfangs halte ich noch Ausschau nach der Polizei aber ich glaube, selbst denen wären wir herrlich egal.

Keine Schlösser weit und breit

«Oh, fancy Kokosöl», freut sich Marco bereits nach einer halben Minute. Das Glas ist angebrochen, deshalb könne es wohl nicht mehr verkauft werden. «Das fülle ich zuhause einfach um.» Die Ausbeute nach dem ersten Tauchgang: Eine Packung Bananen, ungefähr ein Dutzend Peperoni, ein Glas Schokoladen-Brotaufstrich und ein Wochenvorrat Zwetschgen. «Nicht schlecht für den Anfang», findet Marco.

Als ich Denner am nächsten Tag kontaktiere, teilt man mir mit, Dumpster Diving komme bei ihnen relativ selten vor. Sofern möglich würden organische Abfälle zur Gewinnung von Bio-Gas genutzt, deshalb falle sowieso nur wenig Foodwaste an. «Sollte Dumpster Diving dennoch vorkommen, weisen Filialmitarbeitende die Personen darauf hin, dies zu unterlassen», heisst es von der Pressestelle. Die Container seien ausserdem in den meisten Fällen verschlossen. Drei Behälter durchsuche ich mit Marco innerhalb einer Stunde – kein einziger ist mit einem Schloss gesichert.

«Sonst ist das Tier umsonst gestorben»

Neben Käse, Eiern, Joghurt und Kartoffeln finden wir auch mehrere Flaschen Entspannungsbäder. «Oh, deshalb riecht es hier also so gut», sagt Marco. Weil er keine Badewanne hat, wirft er die Badezusätze aber zurück in die Tonne. Auch Fleisch packt er in seinen Rucksack – unter anderem Poulet, das bereits zwei Tage drüber ist. Ich werde leicht skeptisch. «Ach, das ist bestimmt noch in Ordnung. Man muss halt kurz dran riechen, dann merkt man das schon.»

Marco ist eigentlich Vegetarier, Fleisch aus dem Container isst er aber ohne schlechtes Gewissen, selbst wenn es nicht aus tiergerechter Haltung stammt. «Wenn es entsorgt wird, braucht es nur noch mehr Energie, um das Fleisch zu verbrennen. Dann ist das Tier nicht nur umsonst gestorben – es verschmutzt auch noch die Umwelt», sagt er. Ihm ginge es beim Dumpster Diving allgemein vor allem um den ökologischen Aspekt – nicht darum, Geld zu sparen. Dies sei nur ein netter Nebeneffekt.

40 Franken innerhalb einer Stunde

Nach unserer kurzen Tour befinden sich in Marcos Rucksack Lebensmittel im Wert von schätzungsweise 40 Franken. In einer richtig guten Nacht könne die Beute auch noch grösser ausfallen. Am nächsten Tag treffe ich ihn erneut und frage, was er denn nun mit dem vermeintlichen Abfall anstellt. «Aus dem Gemüse habe ich einen Riesentopf Suppe gemacht – die steht jetzt im Tiefkühler.» So könne er sich über mehrere Tage davon ernähren. Auch der Mitternachtssnack nach unserer Tour stammte aus dem Container.

«In den Kommentaren werde ich dann bestimmt als Hippie beschimpft», lacht der 29-Jährige mit Bart und langen Haaren. Mag sein. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich persönlich alles essen würde, was wir auf unserem Rundgang aus dem Müll gefischt haben. Rein rational betrachtet gibt es aber kein wirkliches Argument gegen Dumpster Diving. Und jetzt entschuldige mich – ich hab da gerade noch einen halben Döner von letzter Nacht in meinem Bett gefunden.

*Name geändert


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32 Kommentare

Tamara vor 26 Tagen
Unglaublich diese weissen rassisten klauen den schwarzen das essen.
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Antwort
Andreas vor 26 Tagen
Also ich finde es super von Denner, dass sie zwar offiziell "alles abschliessen" aber dann doch die Container offen lassen - somit können die Lebensmittel nochmals genutzt werden, ohne dass Horden von "Dumpster Diver" angelockt werden. Ausserdem werden diese, auch wenn sie "erwischt" ewrden, nicht angezeigt, obwohl es "illegal" ist. Kompliment an Denner!
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Antwort
FUck America vor 26 Tagen
Dumpster Diving ?? hört mal endlich auf mit diesem Amerikanischen Scheissdreck Slang.
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Antwort
Antwort von Mucho Englando vor 26 Tagen
Und ich dachte ja immer, Englisch kommt aus England. FUck Englando also? Aber ja, diese Anglizismen sucken wahrhaftig. 😉
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