«Ich spuckte mein Essen heimlich in die Serviette»

Obwohl Frauen häufiger betroffen sind, leiden auch Männer unter Essstörungen. Uns erzählt ein ehemals Magersüchtiger von seinem Leiden.

Alain* litt jahrelang unter einer Essstörung. Der 32-jährige Luzerner zählte zwanghaft Kalorien, brachte seinen Körper mit seiner Sportsucht an die Grenze und landete schliesslich in einer Klinik.

Mittlerweile ist er stabil und leistet für die AES (Arbeitsgemeinschaft Essstörung Schweiz) Aufklärungsarbeit. Uns erzählt er im Interview von seinem langen Weg aus der Magersucht.

Alain, wie machte sich deine Essstörung erstmals bemerkbar?
Die ersten Anzeichen bemerkte ich, als ich mich in einen Mann verliebte, diese Liebe aber nicht so erwidert wurde, wie ich mir das wünschte. Dennoch verbrachten wir viel Zeit miteinander und machten auch häufig Sport. Ich habe mich immer stärker mit ihm verglichen und daraus wurde fast schon eine Art Rivalität: Wenn wir zum Beispiel trainieren gingen, machte ich vorher heimlich schon eine Stunde alleine Sport.

Das mit dem Essen kam erst später hinzu?
Das ging Hand in Hand. Ich fing an, darauf zu achten, was ich wann esse. Das wurde dann schnell ein grosses Thema: Ich zählte ständig Kalorien und gleichzeitig trainierte ich sie immer sofort wieder weg. Mein Stepper zeigte an, wie viele ich verbrannt hatte und diese Zahl musste höher sein als die Kalorien im Essen. Es ging wohl auch um Kontrolle: Meine Gefühle konnte ich nicht kontrollieren, meine Ernährung und mein Gewicht aber schon.

Hast du damals schon darunter gelitten?
Nein, anfangs ging das noch. Irgendwann ging ich aber auf Anraten meines Arztes zur Ernährungsberaterin. Das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Paradoxerweise habe ich immer sehr gerne gegessen. Ich wollte einfach die Kalorien minimieren: Salat ohne Sauce, Reiswaffeln, kein Fett, kein Zucker – meine ganze Nahrungspalette wurde immer enger.

Wie hat dein soziales Umfeld reagiert?
Die merkten es anfangs gar nicht. Man entwickelt Tricks, um zum Beispiel Essen verschwinden zu lassen: Manchmal spuckte ich mein Essen heimlich wieder in die Serviette aus. Es dauerte eine Weile, bis die Leute merkten, dass Ernährung bei mir so ein omnipräsentes Thema ist und mich das extrem einschränkt. Aber viele wussten gar nicht, wie sie damit umgehen sollten.

Wann wurde dir klar, dass du ein Problem hast?
Als mein Verhalten zwanghaft wurde – die Rechnerei wurde zu einer Art Sucht. Der Sport hat mir auch keinen Spass mehr gemacht. Ich musste einfach trainieren, egal wie kaputt ich bereits war. Gleichzeitig wurde ich immer tauber: Emotionen brauchen Energie und ich hatte wegen meiner Ernährung schlichtweg keine Energie mehr. Mein Psychiater hat mir dann einen stationären Aufenthalt empfohlen.

Wie viel hast du damals noch gewogen?
In meiner schlimmsten Phase war ich bei 54 Kilo mit einer Grösse von über 1.80. Als ich in die Klinik ging, hat es bei mir dann zum ersten Mal Klick gemacht. Trotzdem wollte ich mir mein Problem nicht ganz eingestehen.

Wie war dein Klinik-Aufenthalt?
Ich war fünf Monate lang dort. Insgesamt nahm ich zwar zu aber es war ein stetiges Auf und Ab. Es war auch schwieriger, meine Störung auszuleben. Der Druck ist viel grösser also musste ich einfach essen. Insgeheim rechnete ich aber trotzdem immer mit und mogelte manchmal.

Klingt, als hättest du deine Einstellung nicht geändert.
Nein – ich wollte, konnte aber nicht. Ich fiel nach dem Aufenthalt auch in alte Verhaltensmuster zurück. Wirklich stabil wurde ich erst dank einer neuen Therapeutin, die mit unkonventionellen Methoden gearbeitet und mich von der Waage weggebracht hat. Das war etwas, das ich immer wollte – die Gewichtskontrolle und -konfrontation gehörten in der bisherigen Therapie aber dazu. Gleichzeitig wechselte ich den Job und zog in eine neue Wohnung – von da an ging es aufwärts. Ich hatte wieder Freude im Alltag.

Stehst du heute noch auf die Waage?
Nein, aber ich könnte es. Einen Rückfall hatte ich nie. Ich mache auch wieder Sport aber in einem normalen Ausmass. Klar, im Restaurant bestelle ich auch heute nicht unbedingt Schnitzel-Pommes aber ich bin jetzt schon seit fast zehn Jahren stabil.

Essstörungen sind bei Männer seltener als bei Frauen. Wie erklärst du dir das?
Die klassische Magersucht ist wahrscheinlich weniger verbreitet, ja. Trotzdem sieht man diesen Trend zur Körperoptimierung bei Männern immer öfter, was dann auch in die Sportsucht kippen kann: Ich denke an Jugendliche, die fast schon zwanghaft im Fitnesscenter pumpen.  Es bleibt letztendlich immer eine Frage der persönlichen Balance.

Was sind denn Warnhinweise?
Das ist schwierig zu sagen. In meinen Augen wird es problematisch, sobald man seine ganze Identität von seinem Körper abhängig macht, das Thema plötzlich viel mehr Zeit und Platz einnimmt als zuvor und man damit etwas kompensiert oder verdrängt.

Wie zeigt sich das konkret?
Es kann ganz harmlos beginnen: Etwa bei Leuten, die sich bereits am Montag die Portionen für die ganze Woche vorbereiten und alles durchrechnen – das ist grundsätzlich in Ordnung, es kann aber auch schnell kippen. Da braucht es nur eine emotionale Krise, damit die Rechnerei plötzlich zwanghaft wird. Und bei Männern fällt das Problem viel weniger schnell auf, deshalb ist es umso gefährlicher.

*Name geändert


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28 Kommentare

Chlöteschaukler vor 21 Tagen
do gseht mer mol das männer zvell studiere, alles mehrfach im chopf tüend verquerlle, schad chonts fulllminate chelli vo tamarie ned of so ideeä, da wör mim augelicht nämli zemli dienä.
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Antwort von Tüpflischisser vor 21 Tagen
Kleiner Geheimtipp: Nächstes mal in Hochdeutsch bitte, jeder beginnt zu lesen aber niemand liest bis zum Ende
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Antwort von Freezer vor 21 Tagen
haha richtig ganz genau, angefangen und nicht aufgehört weil zu viele äääähhs hahaha
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Antwort von Sepp vor 20 Tagen
Also ich bin richtiger Urschweizer aber verstehe beim besten Willen nicht was du mit "fullminate chelli" meinst?
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