Warum kostet dieser Stein 450 Franken?

Die Luzernerin Fabienne Immoos verarbeitet gefundene und oft relativ wertlose Materialen zu kostspieligen Werken. Wir haben uns mit der 28-Jährigen über Daseinsberechtigung und Wert von Kunst unterhalten.

Vor ein paar Wochen fand in Winterthur die «Jungkunst» statt. Eine Ausstellung mit Werken aufstrebender, heimischer Kreativschaffender und bildender Künstlerinnen und Künstler. Diese neue Generation junger Damen und Herren soll die Kunstwelt von Grund auf revolutionieren und der Schweizer Szene den verstaubten Stock aus dem Arsch ziehen.

Die Objekte einer jungen Ausstellerin haben es geschafft, uns ganz besonders in Erinnerung zu bleiben. Die Luzernerin Fabienne Immoos bot unter anderem einen kleinen Stein (wie er vielerorts in unseren Breiten in der Natur zu finden ist) mit einem winzigen Wachstropfen versehen zum Verkauf an. Happige 450 Franken verlangte sie laut Preisliste dafür.

Geniale Geschäftsidee oder ehrliche Kunst?

Auch Tage später geistern die Fragen noch durch unsere Köpfe: Ist das ihr Ernst oder will sie einfach nur alle ziemlich clever verarschen? Ist Fabienne Immoos eine geniale Künstlerin, deren Schaffen wir ungebildeten Primaten nicht verstehen oder ist sie eine clevere Business-Frau, die prätentiöse Kunstkäufer nach allen Regeln der Kunst (ha!) über den Tisch zieht? Und überhaupt: Wann und wie wird eigentlich aus einem langweiligen Kieselstein ein teures Sammlerobjekt?

Also machen wir uns auf den Weg nach Luzern, um uns ein für alle Mal Klarheit zu schaffen. Wir treffen die sehr sympathisch lächelnde 28-Jährige in ihrem Atelier in der Luzerner Hochschule für Design und Kunst. Hier studiert und arbeitet Fabienne seit drei Jahren an ihrem Master in der Fachrichtung «Kunst und Vermittlung».

Deine Arbeiten sind uns nach der Ausstellung in Winterthur besonders in Erinnerung geblieben. Erklär doch mal kurz deinen Approach. Welche Art von Kunst machst du?
Ich arbeite mit Materialien und deren Verbindung zueinander. Meine Konstellationen spielen mit Formen und Eigenschaften von verschiedenen Stoffen. Es ist ein Zusammenspiel zwischen mir als Künstlerin und dem Material als Werkstoff. Wie kann ich es manipulieren, wie viel lässt es zu, wie reagiert es und wie reagiere ich darauf?

Was macht das, was du machst, zur Kunst?
Meine Affinität und Wertschätzung zum Material. Kunst ist ja immer sehr subjektiv. Was für mich Wert hat und funktioniert, wird auch zu meiner Kunst.

Was unterscheidet denn deinen Stein, den du bei der Jungkunst um 450 Franken angeboten hast, von einem ganz normalen Stein?
Dahinter steckt eben nicht nur ein Stein, sondern ein Entstehungsprozess, eine Auseinandersetzung und meine eigenen Gedanken und Emotionen, die einfliessen. Und es ist nicht nur ein Stein, sondern nun eine Wachs-Stein-Verbindung. Während der Arbeit bin ich auf der Suche nach Antworten. Noch weiß ich sie nur vereinzelt zu beantworten – frag mich in fünf oder zehn Jahren wieder.

Rechtfertigt ein emotionaler Entstehungsprozess solche Preisvorstellungen?
Ich stehe voll und ganz dahinter. Persönlicher Wert hat nichts mit Materialwert oder Arbeitsaufwand zu tun. Als Kunstschaffende steht es mir frei, den Wert selbst zu erkennen. Und da ist auch der Prozess inbegriffen, die Arbeit und Zeit für durchdachte und durchgeführte Versuche, alles bis zum funktionierenden Objekt. Und wenn es jemandem nicht gefällt, muss er es ja nicht kaufen.

Wie reagierst du auf Kritiker, die mit dem «Das kann ich auch»-Argument kommen?
Dann mach doch! (lacht) Mir ist durchaus bewusst, dass einige Menschen vermutlich weniger damit anfangen können, als andere. Aber alles was ich mache, ist sehr authentisch, es macht mir grosse Freude. Ich finde es aber sehr spannend, mit Leuten zu reden und zu erfahren, was genau sie an meinen Arbeiten stört oder natürlich auch freut.

Wo kann man deine Arbeiten das nächste Mal begutachten?
Vom 16. bis 26. November in Stansstad im WHUA Veranstaltungslokal von Schmauser & Wirt.

Vielen Dank, Fabienne!


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31 Kommentare

Barbabo vor 10 Tagen
Ein bisschen komisch ist es ja schon, innerhalb kürzester Zeit besucht tilllate zwei Künstlerinnen. Der einen ist man wohlgesinnt weil sie etwas kann, die andere wird an den Pranger gestellt und nur über den Preis diskutiert. Keine Frage, das zeichnerische Talent von Clio steht ausser Frage. Die Bilder gehen von Weitem als Fotografien durch, kommt man näher ist kurz eine Verblüffung da, hat man diese aber überwunden, bleibt nicht viel hängen. Stets dasselbe Motiv, in unterschiedlichen Variationen, das Können wird abgerufen und wiederholt. Ein wirklich spannender Prozess sieht meiner Meinung nach anders aus. Fabienne geht in ihren Werken auf die unterschiedlichen Materialien ein, spielt mit ihnen, kombiniert sie. Sie geht von Werten aus, welche den Materialien eingeschrieben sind und hinterfragt diese. Ob ein Stück funktioniert oder nicht, wird erst am Ende des Prozesses ersichtlich. Das ist doch eine aufregende Reise! Wie aus den Kommentaren ersichtlich wird, kommt diese Aufregung bei den Lesern an. So wird heftig über Sinn und Unsinn diskutiert, die Gemüter sind erregt. Genauso wie es spannende Kunst soll und immer gemacht hat. Dass tilllate mit solch einer Meinung von Vorgestern die Künstler besucht und bespricht, finde ich jedoch ein wenig traurig...
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Walti vor 11 Tagen
Es gibt in der Mode- und namentlich in der Kunstszene Produkte, welche in absolut keinem Verhältnis mehr zum Produkt stehen. Wie kann z.B. eine simple Handtasche über CHF 1000.-- kosten? Wenn ich da nachfrage heisst das Hauptargument: "Das verstehst Du eben nicht!" Es kommen dann auch Argumente, wie: die ist eben handgemacht, aus speziellem Material oder Leder von heiligen Kühen, usw, usw. Doch, doch ich verstehe das sehr, sehr gut! Ich verstehe sehr gut, dass viele 'Damen' und oder 'Herren' sowas brauchen um einerseits ihren Status zu belegen und ein trügerisches Selbstwertgefühl zu vermitteln. Aber auch um den Anderen zu zeigen: Seht her ihr Looser, ich kann mir das leisten. Und ganz klar, werden aus diesen und auch anderen Gründen, sowohl in der Mode, wie auch in der Kunst und anderen Fakultäten, die Leute schamlos über den Tisch gezogen. Man sagt den Menschen in der Werbung: Schaupieler(in) XYZ hat das auch! Wenn Du das hast, bist Du cool und 'mehr besser' als die Anderen. Wenn Du das nicht hast, bist Du ein Nobody. Thats all Folks!
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Maria Zeidler vor 11 Tagen
so lange es Menschen gibt die sowas kaufen! wieso nicht und meisten fühlen sich die Käufer auch noch wichtig dabei. Die Herstellerin ist Glücklich und die Käufer auch. Ist doch toll!
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argonaut vor 12 Tagen
...ihr alle, die ihr das auch könntet: macht's doch einfach! du, der auf eine leinwand kacken will: kack doch! wetten du würdest beim "verstreichen" kapitulieren? vielleicht ist's doch gar nicht so einfach? ich bin nicht grundsätzlich anderer meinung als alle hier und frage mich manchmal auch sehr, kunst ist in der heutigen zeit ein seeeeehr weiter begriff... und genau deshalb: macht's doch einfach. vielleicht fasziniert ihr jemanden damit und könnt wortwörtlich eure kacke verkaufen. aber immer nur das gewäsch und gejammere von wegen "kann ich auch/besser/..." nervt nur elendlich. all die, über die ihr herzieht, die haben's gemacht. was es auch immer darstellen soll – sie haben etwas gemacht! und ihr...? ...eben...
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