Meine Hassliebe zum Flughafen

Unsere Redaktorin ist vor vier Jahren alleine in die Schweiz gezogen. Seither fühlt sie sich am Flughafen nicht mehr wohl. Sie erklärt, warum.

Nach dreieinhalb Stunden landet mein Flugzeug. Ich steige aus, hole meinen Koffer und bewege mich in Richtung Ankunftshalle: kalte Wände, quälend steriles Licht und eine riesige Menschenmenge. Eine leere Menschenmenge. Meine Augen suchen nach bekannten Gesichtern, obwohl ich genau weiss, dass ich niemanden finden werde. Früher war das nicht so. Ich wohnte mit meinen Eltern in Moskau, fuhr selten in die Ferien und fühlte mich nie einsam. Nun war ich komplett auf mich alleine gestellt: fremdes Land, keine Familie, keine Freunde, kein Plan, ausser studieren und einen Job finden.

Der Flughafen ist ein skurriler Ort, wo gleichzeitig so viel Glück aber auch genauso viel Einsamkeit herrscht. Zwei Mal pro Jahr fliege ich in meine Heimat. Jedes Mal, wenn ich in die Schweiz zurückkehre, atme ich tief ein bevor ich die Ankunftshalle betrete, als würde ich mit dem Fallschirm springen. Dann versuche ich so schnell wie möglich aus diesem Labyrinth von unendlich vielen Türen und Rolltreppen rauszufinden. So geht’s jedenfalls mir und vermutlich allen anderen, die genauso wie ich in ein anderes Land zogen und niemanden haben, der auf sie wartet.
 

Ein Flughafen mit tausend Geschichten

Täglich treffen durchschnittlich 75’591 Passagiere am Flughafen Zürich ein. 75’591 Menschen, die irgendwohin rennen, die sich verspäten, die in ihrer Heimat ankommen. 75’591 Geschichten entstehen hier jeden Tag.

Sonntagabend, 20 Uhr. Draussen ist es dunkel und frostig. Was der typischen Flughafen-Hektik einen Dämpfer versetzt. Die Wartenden, die ich hier treffe, tragen dicke Wintermäntel. Die Vorfreude auf ihre Familie und Freunde, die jeden Moment aus dem Flugzeug steigen, wärmt sie zusätzlich.

Rote Rosen vom Fliessband

Auffällig viele halten die gleichen roten Rosen bereit. Ein Fliessband von aufgesetzter Herzlichkeit. Die Rose in der Ankunftshalle ist das Pendant zum Muttertagsgeschenk aus der Tankstelle.

Andere Empfangskomitees warten mit Ballonen – in den meisten Fällen wohl ebenfalls vom Kiosk nebenan – oder, immerhin etwas origineller, mit selbstgebastelten Schildern. Zwei Frauen, die auf ihre «Muttis» warten, halten ihres bereits seit Minuten in die Höhe. Die Augen blitzen vor Freude. Vielleicht auch wegen der Belichtung – schwer einzuschätzen. Den wärmsten Empfang bieten aber wohl diejenigen, die ihren Hund mitgebracht haben. Sogar ich kann mir den einen oder anderen «Jö»-Jauchzer nicht verkneifen.

«Mama hat sich die Ferien verdient»

Auch eine Familie aus Luzern hat ihren Vierbeiner dabei: «Die ganze Bande ist hier, um Mama in Empfang zu nehmen», erzählt mir das Oberhaupt. «Sie hat mit einer Freundin eine Woche Ferien gemacht. Das hatte sie sich verdient nach dem Weihnachtsstress. Jetzt sind wir aber alle froh, dass sie wieder nach Hause kommt. Es herrschte pures Chaos.» Der Sohn im Teenager-Alter verdreht genervt die Augen.

Ein Mittzwanziger mit umgedrehter Mütze wartet auf seinen Bruder: «Er studiert im Ausland und kommt nun zwei Wochen vorbei», sagt er. Es sei über die Jahre Tradition geworden, dass er ihn abhole. Und zwar immer alleine, das sei wichtig: «So kann er mir während der Fahrt noch all die Geschichten erzählen, die Mama nicht unbedingt erfahren soll.»

Im freien Fall

Vor einigen Jahren war ich auch noch so. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, endlich von meinen Eltern auszuziehen, irgendwohin zu fliegen und alleine zu leben. Das hab ich mittlerweile geschafft. Seit vier Jahren bin ich allein und Mama ist stolz. Und trotzdem: Jedes Mal, wenn ich am Flughafen bin, bleibt dieses mulmige Gefühl. Es ist eine Art Hassliebe. Zu diesen kalten Wänden, dem sterilen Licht und der leeren Menschenmenge – zu meinem Fallschirm, der sich nie öffnet. Doch im freien Fall kann man fliegen.


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36 Kommentare

Pelztragen - Gewissensfragen vor 3 Monate
Bei mir erzeugen solche Orte vorallem Hass, weil ich in den Menschenmassen besonders viele Pelzträger sehen muss. Soviel höchst tierquälerische Dekadenz auf einem Haufen, ist nicht zu ertragen.
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HR-Lady vor 3 Monate
meine Güüte so negativ na dann bleib halt zu Hause!
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Peter Vogel vor 4 Monate
Es ist ein Flughafen. Die können da schlecht einen Viktorianischen Kronleuchter an die Decke hängen. Das Licht erfüllt seinen Zweck. Der Ausgang ist zudem gross angeschrieben. Wie kann man den nicht finden?
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Schweizer vor 4 Monate
Letztes Jahr war ich in den USA. Habe einige Flughäfen gesehen und festgestellt, dass allen Flughäfen sehr steril und kalt aussehen., einfach "Gebrauchsorte". Ob einem die Ankunftshalle gefällt oder nicht hat doch mit dem Empfang durch Abholer zu tun! Wenn nun diese Leute fehlen, so hat dies mit dem Verhältnis der Person zum Land und deren Leute zu tun. Oder?
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