Warum wir mit unseren Jugendfreunden nichts mehr zu tun haben (wollen)

In Teenager-Tagen ist man unzertrennlich, mit dem Alter verblassen die freundschaftlichen Bande allerdings. Völlig normal, findet unser Redaktor.

Meine Fresse, was haben wir nicht alles zusammen erlebt. Wir rauchten gemeinsam die erste heimliche Zigi, gingen auf Doppel-Dates und feuerten uns gegenseitig an, wenn wir im Suff an den Wegrand kotzten.

An seine Jugend-Gang erinnert man sich ein Leben lang. Und trotzdem gehen viele dieser Freundschaften irgendwann – meist so Anfang bis Mitte 20 – kaputt. Manchmal völlig natürlich und durchaus positiv, manchmal aber auch eher beschissen. Ich habe in den letzten Jahren beides erlebt.

Die schleichende Trennung

Zum einen wäre da Rémy*. Rémy kannte ich schon seit dem Kindergarten, weil meine Mum und seine Eltern über unsere Köpfe hinweg entschieden hatten, dass wir da zusammen hingehen und gegenseitig auf uns aufpassen sollten. Wir wurden beste Freunde und verbrachten bis in unsere frühen Zwanziger viele Abende zusammen, hauptsächlich mit Filmen, Fast-Food und Joints.

Als ich dann in die Stadt zog und er auf dem Land blieb, war das der Anfang vom Ende. Man sah sich plötzlich nur noch einmal im Monat und schon bald noch seltener. Den grossen «Aha»-Moment erlebte ich, als ich Rémy frisch verliebt von meiner neuen Freundin erzählte und er schockiert war, dass ich nicht mehr mit meiner Ex zusammen bin – ein halbes Jahr nach der Trennung.

Beste Freunde in verschiedenen Welten

Versteh mich nicht falsch: Ich liebe diesen Typen und auch heute noch antworte ich auf die Frage, wer mein bester Freund ist, instinktiv «eigentlich Rémy». Mittlerweile leben wir aber in so unterschiedlichen Welten, dass es nur noch wenig Sinn ergeben würde, meine Probleme mit ihm zu besprechen. Ich erzähle von der Uni, lästere über Medien (ausser Tilllate ... Tilllate ist Gott) oder rege mich über Politiker auf. Er spricht derweil über das anstehende Dorffest, zeigt mir Fail-Videos oder schwärmt von einem neuen Jason-Statham-Film.

Es ist nicht so, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten – wir reden halt einfach aneinander vorbei. Wenn wir uns mal gut unterhalten, dann meist über Erinnerungen an bessere Zeiten oder darüber, was unsere früheren Bekanntschaften so treiben. Mittlerweile sehen wir uns eventuell mal an einem Festival oder zu den üblichen Feierlichkeiten: Alles Gute zum Geburtstag, bis nächstes Jahr. Das ist zwar schade, insgesamt aber in Ordnung so.

Kokain und Verhaftungen

Etwas weniger schön ging die Freundschaft mit Marcel zu Ende. Ihn lernte ich erst in Teenager-Tagen kennen und so basierte unsere Verbindung hauptsächlich auf ziemlich kaputten Partys. Während ich bei relativ sanften Drogen blieb, sprich Gras und Alkohol, verfiel er nach einigen Jahren dem Kokain. Auch damit hätte ich noch leben können, wäre Marcel nicht einer dieser Menschen, die vom Koks überheblich und aggressiv werden.

Ging man mit ihm in den Ausgang, war von Anfang an klar, dass es Probleme geben würde: Er legte sich wahlweise mit irgendwelchen dubiosen Kerlen oder mit anderen Jungs aus unserer eigenen Clique an. Die Schuld sah Marcel allerdings nie bei sich selbst. In seinen Augen wurde er immer auf irgend eine Art unfair behandelt.

Alleine und paranoid

Diese Paranoia verschlimmerte sich durch LSD- und andere Trips und mit der Zeit wurde er sehr empfänglich für absurde Ideen. Menschen, die sich mit Verschwörungstheorien befassen, werden manchmal spöttisch als «Aluhutträger» bezeichnet – Marcel sass eines Abends tatsächlich komplett ironiefrei mit Alufolie auf dem Kopf da, weil er glaubte, die Regierung würde seine Gedanken kontrollieren.

Ich habe die Freundschaft nicht kampflos aufgegeben. Der arme Kerl hat ernsthafte Probleme und ich habe mehrfach versucht, ihm zu helfen. Irgendwann war ich mit seiner destruktiven Art und den schizophrenen Tendenzen aber selbst überfordert. Als ich neulich via alte Kumpels von ihm hörte, berichteten sie, er wohne wieder bei seiner Mutter und terrorisiere diese tagtäglich. Irgendwie tut mir mein einstiger Freund zwar leid, aber ich müsste lügen, um zu sagen, ich vermisse ihn.

Nostalgie hält dich nur auf

Der Punkt ist: Jugendfreundschaften zerbrechen und manchmal ist daran überhaupt nichts Schlimmes. Wir alle werden älter und wenn man sich immer nur mit den gleichen Menschen umgibt, bleibt man häufig stehen. Mit der persönlichen Entwicklung landet man immer auch in einem neuen Umfeld. Letzten Endes ist das nur gesund und es lohnt sich nicht, eine alte Freundschaft aus purer Nostalgie künstlich aufrecht zu erhalten.

Nun wollen wir eure Storys hören: Habt ihr noch Kontakt zu eurer Jugend-Clique? Wenn nein: Wie habt ihr euch auseinandergelebt? Erzählt es uns in der Kommentarspalte!

*Namen geändert


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58 Kommentare

Markus vor 3 Monate
Aus den Augen aus dem Sinn. Ich kümmere mich lieber um die Menschen, die um mich herum sind als dass ich jenen nachlaufe, mit denen mich eine gemeinsame Vergangenheit verbindet. Mein Leben findet in der Gegenwart statt und da brauche ich jeden Freund den ich finden kann.
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da bro vor 3 Monate
meinen besten freund kenne ich seit 35 jahren, und bin jetzt 37. wir sehen uns 1x pro woche 😃 auch wenn er seit einigen jahren familie hat, und ich lieber die betten wechsle verbindet uns eine respektvolle freundschaft, bei der wir nach wie vor sehr viel blödsinn zusammen machen 😃
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Antwort
lieber spät als nie vor 3 Monate
freundschaften sind für manche leute echt schwierig. ich war als kind immer das dööfchen, das sich von allen freudig ausnutzen liess. dumm gelaufen. dadurch zerbrachen alle jugendfreundschaften irgendwann, denn auch ich wurde älter und allmählich ein bisschen schlauer und weniger unterwürfig. das vertrug sich dann halt mit den bestehenden leuten nicht gut. ich hatte dann sehr lange ¨überhaupt gar keine freunde oder kollegen und litt teilweise stark darunter. therapie gemacht (aus versch. gründen) und dann klar geworden, dass ich eigentlich eh nicht so ein super sozialer mensch bin und mich vom druck befreit "unbedingt einige bff's haben zu müssen". dank einer weiterbildung habe ich jetzt aber ein paar ganz tolle leute kennen gelernt und gehe diese freundschaften ohne grossen erwartungsdruck an. einfach die zeit geniessen mit den leuten. in all dieser zeit stand mir immer mein zukünftiger ehemann bei, der eigentlich mein allerbester freund ist, aber das zählt ja nicht als freundschaft in dem sinne. 😃 jedenfalls habe ich aus den alten geschichten sehr viel gelernt, wofür ich heute dankbar bin.
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Emilia vor 3 Monate
Habe den Kontakt zu meinen zwei besten freundinnen verloren, weil ich mich verändert habe. So kommentierten sie das Ganze. Wir kannten uns etwa 10Jahre und irgendwie konnte mir aber keine ins Gesicht sagen, was sich denn jetzt bei mir verändert hat und so endete diese langjährige Freundschaft via Whatsapp, ziemlich traurig eigentlich. Mittlerweile muss ich sagen bin ich froh ist es so gekommen.
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