Lapdance und Bromance statt Dschungelcamp

Unser Redaktor hat sich gegen «Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!»-Bingewatching entschieden, um sich stattdessen durch das Programm eines Bühnenkunst-Festivals zu arbeiten. Ein Resumee.

Nachdem meine Kollegen für mich beschlossen hatten, mir die Fernbedienung – und damit das «Dschungelcamp»; eines meiner persönlichen TV-Highlights des Jahres – zu entreissen, durchlebte ich innerhalb kurzer Zeit verschiedenste Emotionale Stadien.

Theater statt Dschungelcamp

Wut, Unverständnis, Resignation. Während Natascha Ochsenknecht eine Schweinevagina verspeiste, will man mich in die Hallen der Zürcher Gessneralllee schicken, um Kultur zu tanken. Meine Einwände, dass das jährliche Promi-Spektakel auf RTL ja wohl zum grössten Popkulturgut unserer Zeit gelte, werden rigoros abgeschmettert und so finde ich mich beim internationalen Bühnenkunst-Festival «Keine Disziplin» wieder.

Treue Leser erinnern sich vielleicht den Artikel, den ich zum Auftakt meines «Trash-TV-Detox» geschrieben habe. Kurz zusammengefasst: Bizarr, teils etwas unangenehm – aber insgesamt ziemlich beeindruckend. Mein Beschluss steht also fest. Ich will auch den Rest der Woche durchziehen. Theater statt Dschungel – here I come!

Bereit für Disziplinlosigkeit

Mittlerweile fühle ich mich wie ein alter Theater-Profi. Immerhin habe ich irre Nageldesigner, rülpsende Belgier und aggressive Wahrsagerinnen überlebt. Bereit für neue Abenteuer rackere ich mich fröhlich-motiviert durch das ganz schön breitgefächerte Programm von «Keine Disziplin» – das seinen Namen alle Ehre macht.

«Es ist ein Festival für internationale, freie, darstellende Kunst, bei dem Künstlerinnen aus aller Welt ihre frei produzierten, unabhängigen Theater-, Tanz und Bühnenarbeiten zeigen können», erklärt Dominik Müller, Dramaturg und Kurator, passend. «Der Name kommt daher, dass es ein bisschen die Genre-Grenzen sprengt und sich nicht so einfach einordnen lässt.»

Feministischer Lapdance und Testosteron-Überdosis

Mit meiner Begleitung (ganz alleine traue ich mich dann doch nicht) sehe ich bei bei «Mothers of Steel» zwei Damen aus dem osteuropäischen Raum eine Stunde lang beim hysterischen Weinen zu und irre in der «Hall06» des belgisch-niederländischen Künstlerkollektivs TAAT durch eine Art avantgardistischen Darkroom.

Während meine Kollegin sich bei der Künstlerin Rosana Cade einen feministischen Lapdance holt, durchlebe Ich ich pubertäre Identitätskrisen der vor Testosteron nur so strotzenden Bromance-Story «Normcore» und feiere das 5-Jahres-Jubiläum der Vergewaltigung von Samira Elagoz unter dem Motto «Cock, Cock... Who's there?».

Cock, Cock Who's There? Oslo trailer from Sara Wegge on Vimeo.

Keine Frage: Nicht alle Stücke hinterlassen den gleichen emotionalen Eindruck, nicht jede der Vorstellungen verlasse ich mit einem guten, angenehmen Bauchgefühl. Ein paar der Performances finde ich ziemlich anstrengend, langweilig oder auch nur blöd, dass ich sie sofort wieder vergesse – oder vergessen möchte. Vielleicht verstehe ich sie auch einfach nicht. Der grosse Teil des Programms hinterlässt jedoch einen stark bleibenden Eindruck.

Der Mut vieler Künstlerinnen und Künstler, mit dem Publikum intimste Geschichten, Gefühle und Gedanken zu teilen, sich auf der Bühne so menschlich, verletzlich und grundehrlich zu zeigen, ist unglaublich berührend. Ganz ehrlich? Ich glaube, ich bin angefixt. Vielleicht werde ich bald selbst zu einer dieser überheblichen Personen, die missbilligend den Kopf schütteln und arrogant mit ihrem Theater-Abo wedeln, während andere vom Fernsehprogramm schwärmen.


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3 Kommentare

Zombie vor 4 Monate
Hmmm?? in der Tat, das gesamte Festival hat tatsächlich etwas mit Kunst zu tun! Sie alle raptäsentieren die heutigen Menschen und die Technik! Man muss wissen, das meine Welt seit meiner Entstehung schon immer die Bühne und Filmwelt war und ist und was bei lernenden Studenten manchmal viel schwerer und komplizierterer Lernstoff ist, so ist es das Theater, den in einem Film kann man vieles wegschneiden, modifizieren und exact bearbeiten aber in einem Theater ist das 10 Fach schwerer, weil dort das Publikum einfach alles sieht und sowieso erinnern wir uns daran das es das Theater einige Jahre schon vor dem Kino gab! Ich hatte immer ein grosser Respekt vor dem allgemeinen Theater und bin ein riesiger Fan des uralten italienischen " Il teatro della varieta di napoli " und meine Helden war seit immer der grosse Edoardo Scarpetta und Ettore Petrolini und Salvatore Pirandello, Vittorio Caprioli, Antonio De Curtis etc! Wenn ich mir die heutgien jungen Studenten anschaue, so verteufle ich noch lange nicht jeder ihrer Vorstellung, weil ich begreife alle Neuankömmlinge das es heutzutage sehr schwer ist eine absolute neue Theaternummer zu erfinden, die es nicht schon vorher gibt oder zumindest mal eine ähnliche, das giltet auch für den Filmbereich, kein Wunder das Hollywood heute fast alles nur noch Remakes wie Man of Steel, Spiderman, Wonder Women etc macht! Aber die Nummer dieser Vorstellung, ist zwar ähnlich wie eine andere die ich einmal sah aber noch lange nicht dieselbe und bleibt daher originell! Doch in meinen Augen ist der grössere Künstler Her B. Quirico selber und warum? Weil mein Lieblingsredakteur einfach immer für alles hinhalten muss grinnssss genauso wie ich in meiner Arbeitswelt hehe 😃 wir müssen immer nur hinhalten den Befehle diskutiert man nicht gel Ben! Doch verzeih mir Ben aber du hast mich total zum lachen gebracht als ich dich beim Nägel lackieren sehen musste hehehe 😃 hast mir echt den Tag vergrinst hehe dehsalb ist es mir eine Freude dir ein weiteres Lieblingbühnenstück von mir von den Meistern Rolf Knie und Gaston Hänni und Pippo für dich hier hochzuladen um deinen Tag ebenfalls zu vergrinsen und bedanke mich herzlichst für deine gute Aufmerksamkeit, dein persöhnlicher Zombieaffe alias Zombie 😃 😃!!! Besten Dank für die allgemeine Aufmerksamkeit!!!!
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House vor 4 Monate
Bingewatching? Was soll das den wieder sein
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Dani vor 4 Monate
Juhuuuu, ich bin ein Künstler... kann definitiv auch Wienerli mit Ketchup essen....
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