Wie schwierig ist es, aus der Kirche auszutreten?

Immer mehr Jugendliche wenden sich von Gott ab. Trotzdem bleiben sie der Kirche häufig noch jahrelang treu. Dabei wäre der Austritt eine Sache von wenigen Minuten.

«Ich bin zwar in der Kirche aber ich glaube nicht an Gott» – ein Satz, den ich immer wieder aus meinem Umfeld höre. Insbesondere Jugendliche können mit dem christlichen Glauben wenig anfangen. Und trotzdem schaffen sie es nicht, der Kirche den Rücken zu kehren.

Aber warum eigentlich? Plagt all meine Atheisten-Freunde das schlechte Gewissen? Fehlt ihnen der Mut, die Institution zu verlassen, obwohl sie höchstens zu Weihnachten mal zum Gottesdienst gehen und während der Predigt heimlich Instagram checken? Oder liegt es daran, dass ein Kirchenaustritt im ersten Moment nach unglaublich viel administrativem Aufwand klingt?

Du brauchst nur einen Brief

Eins vorweg: Falls du dich tatsächlich vom christlichen Glauben abwenden möchtest, ist das ein Kinderspiel. Google einfach mal «Kirchenaustritt» – es gibt mehrere eigene Plattformen, die dir bei deinem Vorhaben behilflich sind. Kirchenaustritt Schweiz etwa bietet dir direkt online alle nötigen Dokumente an. Allerdings kostet das etwas, was selbst die Kirche als Abzocke bezeichnet. Eigentlich ist der Austritt nämlich kostenlos.

Grundsätzlich braucht es nichts weiter als einen eingeschriebenen Brief, den du deiner Kirchgemeinde mit Kopie an das Steueramt zuschickst. Eine Vorlage dazu findest du bei der Freidenker-Vereinigung. Sobald das Schreiben bei der Kirchgemeinde eintrifft, bist du offiziell konfessionslos – und zack, sparst du jedes Jahr ein paar hundert Franken Steuern.

Manche machen es dir schwer

Natürlich findet es die Kirche, naja, nicht unbedingt cool, wenn ihre Schäfchen das Weite suchen und dadurch jährlich etwas weniger Kohle in die Kasse fliesst. Deshalb gibt es Gemeinden, in denen sie versuchen wird, dir den Austritt zu erschweren. Falls du in deinem Brief etwas nicht ganz korrekt ausfüllst, können das die Angehörigen der Institution als Grund nutzen, deinen Austritt nicht zu bestätigen. Du solltest also sorgfältig sein und im Zweifelsfall nachhaken, bis du die schriftliche Bestätigung in der Hand hältst.

Es kann ausserdem passieren, dass dich der Pfarrer zu einem Gespräch bittet – rechtlich gesehen bist du dazu aber keinesfalls verpflichtet. Wenn du keinen Bock darauf hast, kannst du die Bitte also einfach ignorieren und auf deinem Austritt bestehen.

Der Wiedereintritt ist kein Problem

Die Konsequenzen eines Austritts bleiben überschaubar. Deine Entscheidung ist nicht einmal endgültig – du könntest jederzeit wieder eintreten. Zum Beispiel wenn du unbedingt kirchlich heiraten möchtest. Dafür musst du nämlich Mitglied sein. Der Friedhof steht dir jedoch weiterhin offen: Um zu sterben brauchst du die Kirche nicht und Friedhöfe sind staatliche Institutionen – jeder hat das Recht, sich dort beisetzen zu lassen.

Der offensichtliche Vorteil: Sobald dein Austritt bestätigt wurde, bezahlst du keine Kirchensteuer mehr. Je nachdem wie viel du verdienst, ist das ein ordentlicher Batzen. Um doch noch etwas für dein Seelenheil zu tun, kannst du den Betrag nun an eine wohltätige Organisation spenden. Fair enough.

Ein Drittel tritt aus, weil sie nicht mehr glauben

Wir haben bei einige Kirchen zum Thema Austritte angefragt. «Wir können unsere Mitgliederzahlen ungefähr halten», schreibt etwa Thomas Uhland, Kommunikationsverantwortlicher der römisch-katholischen Landeskirche Bern. «In den letzten Jahren gab es sogar eine leichte Steigerung.» Dies liege jedoch vor allem an Migranten, bei denen die Katholiken den grössten Anteil ausmachen würden.

Konkrete Daten finden sich in der Kirchenstatistik des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts. Demnach variieren die Austritte je nach Kanton und Jahr stark. In ländlichen Regionen bleiben mehr Leute in der Kirche als in urbanen Gebieten, ausserdem sind die Katholiken etwas treuer als Anhänger des evangelisch-reformierten Christentums.

Besonders interessant sind die Angaben zu den Gründen: Nur 8.3 Prozent der 15- bis 24-Jährigen treten aus, um Steuern zu sparen. Über 30 Prozent dieser Altersgruppe geben an, dass sie nicht mehr glauben – oder gar nie einen Glauben hatten.


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304 Kommentare

Stefan vor 4 Monate
Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich komme aus Österreich, da war es in den 1990er Jahren noch übliche Meinung: Wer am Freitag Fleisch ist, kommt in die Hölle. Wenn das Kreuz von der Wand fällt, passiert ein Unglück usw. Seit meiner Kindheit habe ich von den vielen Drohungen der Kirche chronische Angstzustände und Depressionen. Ich war zudem von meiner Geburt 1989 bis 2010 21 Jahre krank durch falsche medizinische Behandlung. Ich habe selber die Bibel und den Glauben hinterfragt. Als ich 18 war, haben mir Priester gesagt, deine Krankheit ist Strafe Gottes, weil Sie ein Zweifelnder und Suchender sind. Sie gehen in der Ewigkeit verloren, wenn Sie nicht sofort Priester werden oder ins Kloster gehen. Ich habe dann aus Zwang als Todkranker noch Theologie studiert, 1 Jahr später nach einem Multiplen Organversagen Studienabbruch. Heute habe ich aufgrund meiner Invalidität die einzige Chance zu arbeiten im FamilienBetrieb, sonst könnte ich mit 29 Jahren in Rente gehen.
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Ein Mitglied vor 4 Monate
Ich bleibe in der Kirche weil... ... ich eine coole Jugendzeit in den kirchlichen Angeboten erleben durfte ... meine Kinder von den kirchlichen Angeboten profitieren ... ich selber immer wieder tolle Inputs aus den kirchlichen Angeboten mitnehme ... ich die kirchlichen Hilfswerke gerne unterstütze ... ich das soziale engagement der Kirche wichtig finde ... ich das engagement für eine faire Weltwirtschaft der Kirche unterstütze ... die Seelsorge für alle Menschen (auch ausgetretene) somit Kostenlos bleiben kann ... ich die Arbeit der Kirche für alle Generationen schätze und wichtig finde ... die Kirche auch einen kulturellen Aspekt hat ... die Kirche das friedlichen Miteinander (auch zwischen den Religionen) fördert und somit zur Stabilität eines Staates wesentlich beiträgt ... der Beitrag an die Kirche gemessen an der Gesamtsteuersumme sehr gering ist und ich dies gerne Unterstütze ... es viele Angebote (auch nicht kirchliche) ohne die Kirche nicht gäbe.
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Monotheismus vor 4 Monate
Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich einen anderen Glauben angenommen habe. Die reformierte Kirche hat dies ohne Wenn und Aber akzeptiert, auch mit A-Post... Viele treten aus der Kirche aus und finden sich damit ab zu glauben, dass es keinen Schöpfer gäbe und die von ihm offenbarten Schriften nur Märchen seien. Leider wurde vieles von Menschenhand so verändert, wie es gerade so passte... Aber wer Gott um Rechtleitung bittet, dem weist er den richtigen Weg. Habt ihr euch denn nie gefragt, wieso ihr auf dieser Welt seid und was eure Aufgaben sind?
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Antwort von Meister Proper vor 4 Monate
Weil sich Mutti und Vati fortgepflanzt haben nicht mehr und nicht weniger. Die Aufgaben ergeben sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, wo man sich seinen Platz sucht und findet.
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