«Heute musste ich einen 19-Jährigen einäschern»

Wie fühlt es sich an, als junger Mensch täglich mit dem Tod konfrontiert zu sein? Wir haben einen Kremationstechniker bei der Arbeit besucht.

Hast du schon einmal einen toten Menschen gesehen? Ich nicht. Mit Mitte 20 war ich bisher kaum mit dem Sterben konfrontiert – ich habe noch nie einen Angehörigen verloren, der mir nahestand, und meinen eigenen Tod verdränge ich bewusst aus meinen Gedanken. In meinem Alter wohl völlig normal.

Andreas Kiener hat täglich mit Verstorbenen zu tun. Der 31-Jährige arbeitet im Krematorium Bern, wo er die sterblichen Hüllen unserer dahingeschiedenen Mitmenschen kremiert und deren Asche in Urnen abfüllt. Ich habe ihn ein paar Stunden lang bei der Arbeit begleitet.

Der Anblick eines Toten

Zuerst will ich aber herausfinden, wie ein Kremationsbetrieb überhaupt funktioniert. Die Geschäftsführerin Silvana Pletscher führt mich herum und erzählt mir, dass die Geschichte der Feuerbestattung in Mitteleuropa wechselhaft war: Früher war es Katholiken noch verboten, sich kremieren zu lassen. Heute ist die Feuerbestattung weit verbreitet. Fast neun von zehn Menschen im Einzugsgebiet des Krematoriums Bern werden nach ihrem Tod eingeäschert.

Während der Führung besuchen wir auch die Aufbahrungsräume, wo sich Angehörige von Verstorbenen verabschieden können. Ich bin grundsätzlich ein sehr rationaler Mensch und trotzdem läuft es mir beim Anblick der leblosen Körper kalt den Rücken hinunter.

«Gewisse Fälle gehen mir schon sehr nahe»

Im Anschluss bringt sie mich zum Herzstück des Krematoriums: die Einäscherungsöfen. Hier lerne ich Andreas kennen. Er sieht urchig aus – gross, mit Bart und einer gewissen Ähnlichkeit zu Queens-of-The-Stone-Age-Sänger Josh Homme. Als ich den Raum betrete, fahren er und sein Kollege gerade einen Sarg in den Ofen ein. Ein weit verbreiteter Irrtum: Auch bei einer Feuerbestattung wirft man nicht einfach die Leiche in die Flammen. Die Verstorbenen werden in einem Holzsarg eingeäschert.

Ob er wisse, wer da drin liegt, möchte ich von Andreas wissen. Grundsätzlich versuche er, eine gewisse Distanz zu behalten, sagt er, trotzdem gingen ihm gewisse Fälle nahe. «Wenn zum Beispiel jemand den gleichen Jahrgang hat wie ich, fällt mir das auf», sagt er. Oder bei besonders jungen Verstorbenen: «Heute musste ich einen 19-Jährigen einäschern. Das geht einem dann schon sehr nahe.»

«Es ist ein Mensch und es bleibt ein Mensch»

Ich hatte mir im Vorfeld zwei Szenarien ausgemalt: Entweder wäre der Kremationstechniker ein düsterer Weirdo oder ein abgebrühter Zyniker. Andreas ist keins von beidem. Er wirkt gefasst aber keineswegs kühl oder verbittert. Die Verstorbenen sind in seinen Augen nicht einfach Arbeitsmaterial: «Es ist ein Mensch und es bleibt ein Mensch», sagt der 31-Jährige. «Natürlich war es am Anfang hart, so nahe bei Toten zu sein. Aber irgendwann kriegt man einen anderen Bezug.»

Doch was passiert, wenn Distanz unmöglich ist? Könnte Andreas seine eigenen Eltern kremieren? «Ich bin mir nicht sicher», sagt er. «Letztes Jahr musste ich zwei Leute einäschern, die ich kannte. Unter anderem meinen früheren Nachbarn. Das war schon extrem hart – schliesslich hat man eine gemeinsame Geschichte.»

«Viele denken, ich verarsche sie»

Nach Feierabend lebt Andreas wie wir alle: Er trifft Freunde, feiert mit ihnen und denkt nicht ständig darüber nach, dass er montags wieder tote Menschen einäschert: «Wirklich verändert hat es mich nicht. Es ist Arbeit und ich nehme davon genauso viel nach Hause wie andere auch.»

Der Job als Kremationstechniker ist nicht unbedingt ein «Panty-Dropper». Erzählt Andreas neuen Bekanntschaften von seinem doch eher speziellen Beruf, so reagieren diese meist überrascht: «Zuerst machen sie grosse Augen und denken, ich verarsche sie.» Danach wende sich das Blatt jedoch häufig: «Viele zeigen Interesse und fragen mich dann über meinen Arbeitsalltag aus.»

Die endlose Party nach dem Tod

Weil wir alle nur ungern über den Tod nachdenken, ist ein Ort wie das Krematorium wenig fassbar und viele neigen wohl zu einer falschen Vorstellung. Dass es ein freudloser Ort ist. Dass hier nur kurlige Menschen arbeiten. Dass es bei den Öfen stinkt. Auch ich ertappte mich mit solchen Vorurteilen, musste meine Meinung nach dem Besuch aber revidieren.

Eigentlich ist es überraschend schön hier. Eigentlich muss man keine Angst vor dem Tag haben, an dem man selbst einmal hier landet. Und eigentlich tickt Andreas genauso wie wir: Ob er an ein Leben nach dem Tod glaube, frage ich zum Abschied. «Ich weiss nicht», sagt er, «aber es wäre schon schön, wenn irgendwo eine endlose Party stattfinden würde.»


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68 Kommentare

Eugen vor 19 Tagen
Heute sollte Erdbestattung bei der Weltbevölkerung( 8 Millarden) ein No go sein.Allein schon wegen unseren Trinkwasser Reserven.Will nicht ins Detail gehen!
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NoName vor 19 Tagen
Interessanter Einblick. Danke für den Beitrag!
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Fabienne vor 19 Tagen
Schön das es Menschen gibt die diesen Beruf mit Würde und Respekt leben.
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vor 19 Tagen
kein platz mehr,auf dem Friedhof,ist das Werbung,zum verbrennen....
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