Was bringt ein nachhaltiges Leben?

Unsere Redaktorin lebt für billiges Essen, bequeme Transportmittel und heisse Duschen. Mit Nachhaltigkeit hat das nicht viel zu tun. Darum haben wir sie gezwungen, ihren Lebensstil anzupassen.

Irgendwie habe ich ein bisschen Pipi in der Hose. Nur ganz wenig. Denn wie zur Hölle soll ich eine Woche lang keinen Abfall produzieren, die Wärmeausstrahlung meiner Heizung auf ein Minimum reduzieren und keine öffentlichen Verkehrsmittel oder Autos benutzen? Ausgerechnet ich.

Soll ich etwa meine Kacke mit den Fingern abwischen, erfrieren und gleichzeitig plötzlich sportlich werden? Danke, allerliebste Redaktionskollegen, dass ich eine Woche lang wie in der Steinzeit leben soll. «Möglichst nachhaltig halt, gell».

Gibts eigentlich umweltfreundliche Kondome?

Ich verzichte also unter anderem auf Fleisch – Herstellungs- und Transportkosten sind so gar nicht nachhaltig, lass ich mir sagen – versuche meinen ökologischen Fussabdruck in Sachen Abfall so klein wie möglich zu halten, stelle die Zimmertemperatur auf ein Minimum von 18 Grad und steige diese Woche in kein Fahrzeug. Was habe ich mir da bloss aufschwatzen lassen?

Muss ich mich jetzt wie ein Hamster von Früchten und Gemüse ernähren? Werde ich ob der täglichen kalten Dusche Hirnschäden davontragen? Und verdammt, gibts eigentlich naturfreundliche Kondome? Könnte ja sein, dass ich zufällig eins brauche. Ich habe viele Fragen. Und für die wenigsten davon fühle ich mich schon bereit.

Dicke Wollsocken und ein Duschlimit

Meine erste Amtshandlung als Verfechterin im Namen von Mutter Erde: Die Heizung auf gefühlte «Ich brauche dringend meine fetten, gestrickten Wollsocken vom Grosi»-Grad runter drehen. Ein tägliches Duschlimit setze ich mir ebenfalls: Statt einem Hirnfrost entscheide ich mich für ein Maximum von drei warmen Minuten – das Wasser bleibt beim Einschamponieren mit der gekauften Duschseife logischerweise aus. Weil nachhaltig und so.

Ich fühl mich gut und motiviert, endlich mal ein aktiver Teil der Öko-Bewegung zu sein. Vielleicht rette ich mit meiner einwöchigen Cola-Dosen-Enthaltsamkeit irgendwo eine Baby-Wasserschildkröte. Das würde meine Nachhaltigkeitswoche wenigstens etwas legitimieren.

Mit Schweissfahne im Vorlesungssaal

Mit dem Verzicht von Chocolate Frappuccinos aus dem Starbucks meines Vertrauens kann ich gerade noch so leben. Die halbe Stunde Schlaf, die mir an Uni-Tagen wegen meines Selbsttests aber geklaut wird, verkrafte ich nur sehr schwer. Wieso? Weil ich mein Velo geschrottet habe und darum diese Woche bei sibirischen Temperaturen zur Uni laufe. Okay, ich übertreibe gern. Doch es bleibt ein 35-Minuten-Marsch durch Zürich, fast drei Kilometer, inklusive 300 verfluchten Treppenstufen.

Ich erreiche den Vorlesungssaal jeweils verschwitzt – und mit den leeren Plätzen in den sonst ziemlich vollen Hörsälen, wollen mir meine Mitstudenten wohl mitteilen, dass ich stinke. Nein, ich benutze derzeit kein Deo. Die sind schliesslich oft nicht gerade ökologisch. Fuck my life.

Strom sparen und Taschenlampe benutzen

Die Mühe, die ich mir mit dem mitgeschleppten Tupperware übrigens gemacht habe, hat sich nicht ausgezahlt. «Sorry, die akzeptieren wir hier in der Kantine nicht». Statt auf den Mensa-Teller auszuweichen, an dem noch Rösti-Resten von gestern kleben, geh ich aber lieber mit brüllendem Magen in die Vorlesung, streichle mir sanft über den Bauch und flüstere: «Geduld, zuhause steht schon organisches Essen bereit». Ich habe Entzugserscheinungen von meinem normalen Leben.

Und als mir das Hin und Her mit schummrigem Kerzenlicht eines Abends zu mühsam ist, um umständlich ein paar Seiten eines Buches zu lesen – na, wenn das mal keine Hingabe ist – mache ich Schluss. Ich gebe auf und entscheide, dass ich genug gelitten habe. Hier ziehe ich die Grenze.

Mitmenschen zu bekehren, ist keine gute Idee

Zugegeben, mit ein wenig Willen, Durchhaltevermögen und der nötigen Ausstattung scheint es nicht wahnsinnig schwierig zu sein, ein nachhaltiges Leben zu führen. Der Zeitaufwand und mein ganz persönlicher Frust, mich wegen der Verpackung und dem Transport von Schokolade und Schnellfrass fern zu halten und mir die Füsse wund zu laufen, waren aber einfach zu gross.

Und der WG-Haushalt, in dem der Preis weitaus wichtiger ist als die nachhaltige Herstellung eines Produkts, lässt das ideale, umweltfreundliche Leben einfach nicht zu. Die Mitbewohner bekehren zu wollen, ist übrigens auch keine brillante Idee. Ich habs versucht und habe mich nach einem spöttischen «Verreis mit dem Öko-Zügs» zurückgezogen. Immerhin habe ich meinem Gewissen etwas Gutes getan.


Kommentar schreiben

42 Kommentare

Lin vor 7 Monate
Schade, dass etwas ziemlich Beachtenswertes so ins Lächerliche gezogen wird...Uninformiert und möchtegern-witzig verfasst.
24
3
Antwort
Rina vor 7 Monate
Mache es nun seit 5 Jahren ommer mehr. Mittlerweile kaufe ich nichts mehr dass mir Abfall ins Haus bringt.
22
5
Antwort
Momi vor 7 Monate
So ein quatsch! Kerzen, kein deo! Da ist die junge frau total uninformiert. Man stelle deo selber her (natron) es gibt auch stromsparende glühbirnen 😉 schon bemerkt? Man muss sich nicht kasteien... mit ein bisschen kreativität und eirklichem willen muss niemand leiden-es gibt genug Alternativen
49
5
Antwort
Ayu vor 7 Monate
Nachhaltige Veränderungen erreicht man vor allem, wenn man sie über einen angebrachten Zeitraum einführt. Und zwar nicht alle auf einmal. Heute z.B. anfangen, vegetarisch zu essen. Sobald man sich daran gewöhnt hat, kann man anfangen, nicht mehr so viel Abfall zu produzieren, und so weiter. So eine Aktion wie im Artikel beschrieben, ist doch von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
90
12
Antwort
Wie man in 24 Stunden ein Trap-Album produziert

Wie man in 24 Stunden ein Trap-Album produziert

«Heiliger Strohsack, das schmeckt wie Katzenpipi»

«Heiliger Strohsack, das schmeckt wie Katzenpipi»

Das hier ist «Himmel-Sauce»

Das hier ist «Himmel-Sauce»

Dicke Titten, Kartoffelsalat und Johnny Däpp

Dicke Titten, Kartoffelsalat und Johnny Däpp