Revoluzzer-Oma fährt dich durch die Nacht

Das Philosophie-Taxi ist das coolste und cleverste Nachttaxi der Schweiz. Denn die Fahrerin Jacqueline Maresch kann dir von Gott, der Welt und der Revolution erzählen.

Es ist Samstag Nacht, 04:00 Uhr und du stolperst mit Bier in der Hand und Bierfahne im Mund aus dem Club. Mit Philosophie hat das wohl nicht viel zu tun, auch wenn sich die alten griechischen Denker gerne mal mit Wein die Hucke gefüllt haben. Trotzdem ist jetzt der beste Moment, um ein wenig Philosophie und Lebensweisheit aufzuschnappen. Klingt komisch, ist aber so.

Von Coelho bis zur Revolution

Jacqueline Maresch trägt eine 80er-Porno-Sonnenbrille, ist 72 Jahre alt und fährt das Philosophie-Taxi in Zürich. Von aussen gleicht das königsblaue Auto den anderen Nachttaxis der Stadt. Und wenn du drinsitzt und ein paar Tequilas intus hast, bemerkst du vielleicht auch nichts Ungewöhnliches. Oder aber du siehst, dass die Decke mit Sprüchen vollgepflastert ist: «Die wichtigste Liebe im Leben ist die Liebe zum Leben.» Oder: «Ein System, das nur dem Selbstzweck dient, bricht früher oder später.» Auch ein Diss gegen Uber hängt da – schliesslich ist das der Todfeind der Taxifahrer.

 «Häufig gehen diese kleinen Weisheiten beim einen Ohr rein und beim anderen raus», sagt Maresch. «In meinem Taxi können die Leute die Sprüche etwas länger studieren.» Viele der Aussagen im Taxi sind etwas utopisch: Ein Mix aus Paolo Coelho, Revolutionspropaganda und knallharter Philosophie. Ein Gast sprach sie mal darauf an, dass die Welt nicht so herzig sei, wie die Sprüche behaupten. Die 72-Jährige antwortete abgebrüht: «Ja. Aber so soll sie werden!»

«Den meisten gefallen die Sprüche. Nur ein Mal ist ein Schicki-Micki-Typ ausgestiegen, weil ihm ein Satz über das Klonen nicht gepasst hat», sagt die Taxifahrerin. «Aber ich bin jetzt über 70. Da kann ich alles ehrlich rauslassen und muss keine Rücksicht mehr auf mich nehmen.»

Deine coole Taxi-Oma

In 52 Jahren als Taxifahrerin hat die 72-Jährige viel erlebt. Zu jeder Frage und jedem Spruch zaubert sie eine Geschichte aus dem Handschuhfach. Sie kann von Ché Guevaras ehemaligem Lehrer erzählen, der bei ihr im Taxi sass (Spoiler: Ein guter Typ), oder von Überfällen, die sie irgendwie immer überstanden hat.

Da sie in der Nacht fährt, hüpfen bei Maresch viele junge Kunden ins Taxi. «Ich mag die Jungen, sie sind aufgeschlossen und neugierig», sagt sie. Und als Junge mögen wir sie auch. Sie ist sowas wie eine clevere, wachgebliebene Oma, die uns Betrunkene nach Hause kutschiert und uns ein bisschen Gehirn-Food verabreicht.

Ein Gut-Nacht-Zückerli gibts – ganz wie bei der Oma – übrigens auch. Beim Aussteigen hält dir das Taxi-Urgestein ein kleines Körbchen mit Zetteln entgegen: Die «Glückskekse» des Philosophietaxis. Auf der einen Seite steht die Nummer des Taxis und auf der anderen eine kleine Weisheit. Bei uns stand: «Die Welt wäre ein schönerer Ort wenn jeder Mensch so bedingungslos lieben könnte wie ein Hund.» Recht hat sie!


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10 Kommentare

Walti vor 1 Jahr
Wenn ich Philosophie will, gehe ich an die Volkshochschule und belege einen Kurs! Aber wenn ich nachts ein Taxi brauche, will ich nur nach Haus oder zum Flughafen und dazu brauche ich weder einenMärchen-Onkle, noch eine Plapper-Oma!
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Zollis vor 1 Jahr
Jaci isch die best Taxifahrerinin Town we love you
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Subaru-Taxi-Bernadette vor 1 Jahr
Lustig! Ich bin 62 und fahre auch in der Nacht Taxi mit einem blauen Auto. Das einzige Subaru-Taxi. Meine Kunden bekommen bei mur Kaugummi, Nastücher, Feuchttücher, Kopfwehtabletten und Zigaretten. Natürlich nur bei Bedarf. Oft bekommen meine Jungs auch Lebensberatung!
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Antwort von Spielverderber vor 1 Jahr
Wobei Taxifahrer natürlich nicht befugt sind, Medikamente abzugeben.
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