«Ich mastur­bierte bis zu fünf Stunden am Tag»

Sie können nicht mehr ohne: Pornosüchtige verlieren sich in einer krankhaften Abhängigkeit von Masturbation und Sexvideos. Wir haben mit einem Betroffenen gesprochen.

Bis zu sechs Prozent der Schweizer Bevölkerung sind laut Einschätzungen von Experten hypersexuell. Das heisst: Sie leiden unter sexuellen Funktionsstörungen. Sie verlieren die Kontrolle über ihre sexuellen Bedürfnisse und finden nebst ihrer krankhaften Abhängigkeit von Masturbation, Pornografie oder übertriebener Promiskuität kaum noch Zeit für Freunde, Familie und Beruf.

Die Pornosucht ist ein Teil dieser Krankheiten – und keine Seltenheit. «Ich habe sehr viele Anfragen zu diesem Angelegenheit. Es ist vor allem für Männer ein grosses Thema», sagt Werner Huwiler, Sexualtherapeut in Zürich. «Von einer Sucht kann gesprochen werden, wenn dieses dranghafte Verlangen nach dem Konsum von pornografischem Inhalt zu einem Kontrollverlust führt.» Das heisst: Wenn Beziehungen beeinträchtigt werden und man auch ohne explizite Lust auf Selbstbefriedigung regelmässig den PC einschaltet und Pornos sucht. «Dazu sinkt oft der Selbstwert, was bis zu einer Selbstabwertung oder Selbsthass führen kann», sagt Huwiler.

Ein Mensch, der von dieser Sucht heimgesucht wurde, ist der 29-jährige Stefan*. Mittlerweile ist er clean, aber in den letzten Jahren wurde sein Leben von Pornos dominiert. Uns erzählt er, wie er sich aus dem Teufelskreis von Fetischfilmen und gezwungener Masturbation befreit hat.

Stefan, wie sah der Alltag während deiner Pornosucht aus?

Ich masturbierte in mehreren Sessions täglich. Wenn es schnell gehen musste, dauerten diese je vielleicht nur fünf Minuten. Aber wenn ich beispielsweise am Abend etwas mehr Zeit hatte, sass ich bei einer Session auch Mal zwei bis drei Stunden vor dem Laptop. In unserem übersexualisierten Internetzeitalter wird einem immer kommuniziert: Es ist normal, Pornos zu schauen. Wenn man es aber stundenlang am Tag tut, muss man sich definitiv fragen, ob das noch normal ist.

Wie wirkte sich das auf dein restliches Leben aus?

Ich ging nur noch selten raus. Wenn Freunde anriefen, sagte ich meistens ab – schliesslich hatte ich noch ein, zwei Stündchen vor mir, während denen ich Pornos schauen konnte. Und natürlich veränderte sich meine Sexualität: Ich brauchte immer härteren Stoff, immer extremere Fetische. Mein Frauenbild entwickelte sich auch dementsprechend – in den Pornos werden Frauen ja nur als willige Objekte gezeigt, die nur auf Dampfhammer-Sex aus sind.

An welchem Punkt hast du bemerkt, dass da etwas schräg läuft?

Ich lag letztes Jahr mit einer Freundin im Bett und egal was sie anstellte – ich kam einfach nicht zum Orgasmus. Meine Empfindungen waren wohl schlicht zu abgestumpft von all den Hardcore-Pornos und der Masturbation. Danach informierte ich mich im Netz, woran das liegen könnte und stolperte über das Pornosucht-Forum.

Und dann hast du aufgehört, Pornos zu konsumieren?

So einfach ging das leider nicht. 2016 wagte ich mehrere Versuche. Eine Woche lang ohne Pornos – das kriegte ich gerade noch so hin. Aber danach kam es immer zu einem Rückfall. Teilweise aus Langeweile, weil ich plötzlich so viel Zeit zur Verfügung hatte. Andere Male reichte bereits ein durchschnittlicher Film, um mich zu triggern – nackte Brüste sieht man ja mittlerweile in beinahe jedem Ü16-Streifen.

Heute bist du ja clean – wie hast du das geschafft?

Im Porno-Sucht-Forum gibts die 90-Tage-Challenge. Und zu Neujahr nahm ich mir vor, diese durchzuziehen. Währenddessen führte ich ein Tagebuch zum Thema, was ebenfalls sehr hilfreich war. Bis heute sah ich mir weder einen Porno an, noch habe ich masturbiert. 

Wie lief das ab – wars schwierig?

Die erste Woche war verdammt hart. Danach kam ein Down: Ich hatte keine Erregung mehr, war total unmotiviert und konnte mich kaum aufraffen. Nach einem Monat kam das alles wieder zurück. Sobald ich eine Frau sah, egal wo und egal wie, wurde ich sofort supergeil. Ich getraute mich kaum mehr, einen Film zu schauen oder den Computer anzumachen. Ich ging damals viel spazieren oder joggen, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Hat sich das mittlerweile gelegt?

Jetzt sind meine Reaktionen etwas normaler. Wenn ich beispielsweise auf einer Litfasssäule ein Unterwäschemodel sehe, komme ich gut damit klar. Wenn ich allein Zuhause eine Sexszene in einem Film sehe, ists schwieriger. Dann gehe ich meist ins Forum und lese mein Pornosucht-Tagebuch und bemerke, wie viel ich bereits erreicht habe. Das hilft mir meistens.

Was veränderte sich nach deinem Porno-Stopp?

Ich habe viel mehr Zeit für alle anderen Dinge. Und ich konnte endlich einen Break in meinem Leben setzen und nach Finnland auswandern – hätte mich die Pornosucht noch in ihren Krallen, hätte ich das wohl nie hingekriegt, sondern wäre vor dem PC versauert. Ausserdem versuche ich, meinen Penis wieder etwas empfindlicher werden zu lassen. Denn wenn du beim Masturbieren immer den perfekten Griff mit perfektem Druck an der perfekten Stelle hast, wirst du für alles andere irgendwann abgestumpft.

Und wie siehts mit dem anderen Geschlecht aus?

Da merke ich eine starke Veränderung. Nachdem ich früher kaum mit Frauen kommunizieren konnte, kriege ich das jetzt langsam auf die Reihe. Es dauerte eine Weile, um das schräge Bild aus den Pornos aus meinem Kopf zu kriegen. Aber es klappt: Vor ein paar Wochen hatte ich Sex und dabei sogar einen Orgasmus. Ganz natürlich!

Glaubst du, du wirst jemals wieder einen Porno schauen?

Ich glaube, jeder und jede trägt seinen eigenen Rucksack mit sich herum. Ex-Alkoholiker sollten auch keinen Alkohol mehr anfassen – bei mir sind das nun Mal Pornos. Ich werde wohl nie wieder einen schauen. Und das ist auch gut so. 

* Name der Redaktion bekannt


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79 Kommentare

an die Christen als Erinnerung vor 5 Monate
manchmal versteht man Dinge erst wenn man sie selbst erlebt hat. Ja, Pornos und so machen süchtig und man ist nicht mehr frei. Joh 8:34 "Ich versichere euch nachdrücklich", erwiderte Jesus: "Jeder, der sündigt, ist Sklave der Sünde. Jede Sucht (Sünde) macht einen zu einem Sklaven der eigenen Sucht. Frei ist man nicht mehr. Wer es versteht und sich nicht in Selbstlüge badet versteht es.
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Händeschütteln vor 5 Monate
und wir beharren immer noch darauf immer und überall allen fremden Menschen die Hände zu schütteln. Wo die Hände 5 Minuten davor waren scheint in der hirnlosen Geschäftswelt eine inexistente unberechtigte Frage zu sein: Hirnlos jedem die Hand schütteln. Nein Danke.
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Swantje vor 5 Monate
Hey Stefan, mein Mann ist seit Jahren abhöngig, die Ehe dadurch ziemlich dahin, Scharm lässt ihn sogar Therapeuten belügen. Unbekannterweise bin ich stolz auf dich und jeden Mann, der es geschafft hat davon weg zu kommen. Glückwunsch zum neuen Leben! Klasse!
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Peter vor 5 Monate
So wie ich das sehe, hat der Kerl ganz andere Probleme als die Pornosucht. Wie er erzählt ist Selbstbefriedigung im Allgemeinen für ihn nun plötzlich ein Tabu. Wenn er geil wird, unterdrückt er es und liest ein Tagebuch. Als obs in irgendeiner Form gesünder wäre Sexualität und Geilheit zu ignorieren als sie auszuleben. Auch sind es seine Fantasien die ihn damals zu den immer selben Pornos geführt haben. Es gibt durchaus einen grossen Markt an "sensual" Pornos an welchen er offensichtlich keine Interessen hat. Was er nun macht, ist seine Vorlieben zu unterdrücken. Das ist in meinen Augen krank. Sexualität mit Drogensucht zu vergleichen, sorry aber der hat sie doch nicht mehr alle!
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