«Wenn ich ausschlafe, stehe ich erst um 06.15 Uhr auf»

Mit 21 Jahren wollen sich viele nicht einmal fest für eine Beziehung verpflichten. Adrian Senn hingegen übernahm in diesem Alter einen Bauernhof, obwohl der Job unheimlich hart sein kann.

Egal was euch Heidi-Filme, Hippie-Romantiker und «Bauer sucht Frau» verklickern wollen – das Bauernleben ist kein einfaches Leben: Kaum Freizeit, schwierige Marktbedingungen und politischer Streit um Subventionen. Das Resultat: In den letzten 10 Jahren hat jeder sechste Bauer dem Landwirtenleben den Rücken gekehrt. Und erst kürzlich begingen in der Ostschweiz gleich drei Jungbauern Suizid (20 Minuten berichtete). Wir wollten herausfinden, wie es um die Situation von jungen Bauern in der Schweiz steht und haben einen jungen Landwirten ausfindig gemacht, der sehr früh damit begann, einen Hof zu leiten.

Mit 21 den Hof übernommen

Adrian Senn war 21, als er vor drei Jahren den familieneigenen Hof in Gansingen, ein 1000-Seelen-Dorf im Fricktal, übernahm. Sein Vater arbeitet auf dem Betrieb mit Mutterkühen und ein paar Feldern zwar mit, Adrian trifft die Entscheidungen über die Zukunft des Familienstolzes aber selber. Damit gehört er zu einer Minderheit: Nur einer von zweihundertfünfzig Betriebsleitern im Schweizer Agrarsektor ist jünger als 25.

Das ist durchaus verständlich: Während sich unsere Generation nicht mal dem eigenen Lover richtig verpflichten möchte, steht Adrian täglich vor sechs Uhr auf und zeigt sich verantwortlich für einen Hof voller Kühe, Maschinen und Feldern. Und wenn wir uns am Sonntag verkatert im Bett wälzen, steht der hartgesottene Landwirt bereits wieder im Stall. «Aber am Wochenende versuche ich auszuschlafen», schmunzelt er. «Dann stehe ich vielleicht erst um Viertel nach Sechs auf.»

Kühe füttern statt feiern

Dauernd durchzechte Nächte in Clubs zu feiern liegt da nicht drin. «Aber das fehlt mir auch nicht», sagt uns Adrian. Der Bauernverband empfiehlt den Landwirten, wenigstens einen halben Tag pro Woche freizunehmen – das spricht doch schon Bände. Kürzlich war Adrian Skifahren und das ging nur, weil der Vater noch auf dem Hof arbeitet und auch die restliche Familie mal anpackt, wenn es nötig ist. Angestellte hat der 24-Jährige sonst keine. «Wenn mein Vater irgendwann nicht mehr mithelfen kann, wird es wohl schwieriger, mal eine Pause einzulegen. Aber das war mir von Anfang an bewusst.»

Zu den Suizidfällen im Thurgau will Adrian nichts sagen – da könne man auch von weither kein Urteil fällen. Aber er erzählt uns, was das Bauernleben schwierig macht: Das Klima der letzten Jahre, die sinkenden Marktpreise für viele Güter, die immer enger werdenden Direktzahlungen. «Ich bin dennoch optimistisch», sagt Adrian. «Aber das muss ich ja auch sein. Ich will jetzt bauern und ich will in 20 Jahren noch auf diesem Hof bauern können.»

Blaumachen geht nicht

Während Büroangestellte easy einen Tag oder zwei krankfeiern können, darf man als Bauer nie kneifen. «Zwischen Silvester und Neujahr erwischte uns eine heftige Grippewelle und mein Vater und ich lagen krank im Bett. Aber wir mussten trotzdem raus und den Hof führen. Das kann schon sehr hart sein», erzählt Adrian.

Woher Adrian die Energie nimmt, an diesen Tagen trotzdem aufzustehen? Er überlegt lange, bevor er antwortet: «Die Kühe brauchen Futter und die Ställe müssen ausgemistet werden. Ich muss halt einfach.» 


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56 Kommentare

Reto vor 13 Tagen
respekt!
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lappen vor 13 Tagen
6uhr aufstehen? Das ist LUXUS!
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wildh. vor 13 Tagen
So ging es mir auch 42 Jahre kein Tag Ferien.
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2
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M vor 13 Tagen
Hürot mich!
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7
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