Auch Behinderte haben Lust auf Sex

Isabelle Kölbl gehört zu den bekanntesten Sexarbeiterinnen des Landes. Das Besondere: Ihre Freier sind ausschliesslich Männer mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Wir besuchen sie in ihrem Studio bei Bern.

Heute treffe ich Isabelle Kölbl. Sie ist 57 Jahre frisch, lebt und arbeitet in Hauptstadtnähe und verdient ihr Geld damit, Männer mit der schönsten Nebensache der Welt glücklich zu machen. Ja, die Rede ist natürlich von Sex. Und ja, Isabelles Tätigkeit fällt unter das Prostitutionsgesetz. Trotzdem ist sie so gar nicht mit den Damen aus dem Rotlicht zu vergleichen.

Als wohl bekannteste Sexualbegleiterin der Schweiz besteht ihr Klientel ausschliesslich aus Männern – seltener auch Frauen – mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und Erotik. Und hier kommt Isabelle ins Spiel. Ich freue mich auf das Gespräch mit der interessanten Dame.

20 Minuten Tilllate: Hallo Isabelle! Schön, dass wir hier sein dürfen. Erzähl doch kurz: Wer bist du und was machst du?
Isabelle Kölbl: Ich bin Isabelle, 57 Jahre alt – fühle mich aber jünger (lacht) – und ich bin Sexualbegleiterin.

Erklär uns den Begriff Sexualbegleitung.
Als Sexualbegleiterin gehe ich mit meinen Gästen eine Beziehung auf Zeit ein. Es geht nicht nur um Sex, es geht um Nähe, Zuwendung, Gespräche. All das, was sie sonst aufgrund ihrer Behinderung im Alltag nicht oder nur selten bekommen.

Wie kam es zu diesem eher ungewöhnlichen Berufswunsch?
Das erste Mal in Kontakt mit eingeschränkten Menschen bin ich bei der Reha nach einem schweren Motorradunfall gekommen. Ich war sofort begeistert davon, wie stark man das Leben trotz Behinderung meistern kann. In vielen spannenden, intensiven Gesprächen ist natürlich auch das Thema Sex zur Sprache gekommen. Man denkt kaum daran, dass auch diese Leute das natürliche Bedürfnis nach Nähe und Körperlichkeit haben, wie jeder andere auch.

Und wie fühlst du dich dabei?
Sehr gut! Sexualität war für mich immer ein Thema, eine wunderschöne intensive Form der erweiterten Kommunikation. Genau das ist es, was ich mit meinen Gästen mache. Wir gehen eine emotionale Bindung ein. Wir kommunizieren. Die Lust steht im Mittelpunkt – auch meine. Ich geniesse genauso.

2014 hast du «Sexcare» gegründet. Was ist das genau?
Sexcare ist eine Plattform zur Vermittlung von Sexualbegleiterinnen in der Schweiz. Ich bilde jede dieser Frauen zur Selbstständigkeit aus und biete die Möglichkeit, ihre Dienste über die Seite zu bewerben. Die Nachfrage nach Sexualbegleiterinnen ist sehr gross. Leider lastet immer noch das Stigma der reinen Sexarbeit auf uns – was sehr schade ist, da es viele Leute abschreckt.

Worin liegt der Unterschied zu normaler Prostitution?
Abgesehen vom Offensichtlichen, also den Einschränkungen der Gäste und der schon erwähnten emotionalen Bindung, stehen wir natürlich auch in engem Kontakt mit Institutionen, Heimen, Ärzten und Familienangehörigen. Es ist viel mehr, als einfach nur anonymer, schneller Sex.

Gut, dass du das erwähnst! Wie reagieren denn Familienmitglieder auf dich? Wirst du angefeindet?
Eher im Gegenteil! Ich erlebe immer wieder, dass Angehörige sehr dankbar sind für das, was ich mache. Ich bekomme manchmal sogar Post von Müttern, die mir sagen wollen, wie sehr zum Positiven ihre Söhne sich seit den Treffen mit mir verändert haben.

Schön! Und wie siehts in deinem Privatleben aus? Hast du einen Partner? Was sagt deine Familie dazu?
Meine Familie steht voll hinter mir. Wenn ich glücklich bin, sind meine Kinder es auch. Und mein Partner hat mich von Anfang an unglaublich unterstützt. Er hat mich sogar dazu ermutigt, die ersten Schritte zu gehen.

Cool. Dann wünsche ich dir auch weiterhin viel Erfolg bei deiner Arbeit. Danke, dass wir hier sein durften!

Du bist auf einem Tiger geritten, hast eine Hipster-Detektor-App entwickelt oder an einer Hoverboard-Drohnen-Regatta teilgenommen? Oder du wunderst, freust oder ärgerst dich über ein gesellschaftliches Phänomen? Erzähl es uns! Schreib uns, solltest du etwas Spannendes, Tragisches, Einmaliges oder Verrücktes getan, gesehen oder gehört haben. redaktion@tilllate.com

 


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94 Kommentare

Bernhard vor 13 Tagen
Für Behinderte, Alte, Nicht-so-gut-aussehende bleibt nur die käufliche Zuneigung, Zärtlichkeit. In der Schweiz sind die Preise einfach zu hoch. Für ein ausgeglichenes Seelenleben sollte Sex ja regelmässig stattfinden, was bei diesen Preisen nicht möglich ist.
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Janus vor 1 Jahr
Es gibt halt nur Sex für reiche und gutaussehende Adonen. Für normalos sind alle zu oberflächlich. Männer wie Frauen.
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Leser vor 1 Jahr
ein super schwaches Interview zu einem starken Thema. Der/die JournalistIn verdient einen Kaktus.
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m.r. vor 1 Jahr
Wenn so missbräuche verhindert werden können ist es doch in Ordnung.
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