Wer von uns hat bitte keinen Kumpel oder kennt keinen einzigen, ganz entfernten Bekannten, der nicht schon mal irgendwo einen Kaugummi mitgehen lassen oder die Hauswand des verhassten Asi-Nachbarn mit einem saubergearbeiteten Graffiti geschmückt hat? Oder sein Töffli frisiert, heimlich gekifft hat, aus Geldnot mal ein paar Wochen ohne Billett im Bus gefahren ist – wir könnten ewig so weitermachen.
Einige von uns gehören wohl zur Sorte, die es manchmal nicht besser weiss und sich lieber jugendlichem Leichtsinn hingibt als sich konstant an alle Regeln zu halten. Was hat es aber für Folgen, sich für einen kurzen, triumphierenden Moment die Hände mit Sprayfarbe dreckig zu machen oder mit dem Mofa ein paar Kilometer pro Stunde schneller unterwegs zu sein? Wie schnell kassieren wir mit einem Ritt in die Scheisse einen Strafregistereintrag?
Ein bisschen Kiffen bringt uns nicht in den Knast
«Bei Straftaten generell als auch bei Taten im niederschwelligen Bereich ist bei der Bestrafung die Verhältnismässigkeit zu beachten», erzählt uns Jugendanwalt Patrik Killer. «Ein Jugendlicher, der beim Kiffen erwischt wird oder eine geringfügige Sachbeschädigung mittels einer Wandkritzelei verursacht, wird nicht direkt in einem Massnahmezentrum untergebracht.» Okay, für unsere Dummheiten haben wir also nicht gleich die Höchststrafe verdient.
Anders als bei Erwachsenen, stehe beim Jugendstrafrecht also der Täter und nicht die Tat selbst im Vordergrund. «Hierbei geht es vor allem darum in Erfahrung zu bringen, was es dazu braucht, damit der junge Täter künftig die Finger von weiteren Delikten lässt», sagt Killer. Würden wir zum Bespiel beim Kiffen erwischt werden, würden wir allenfalls zuerst zu einem Marihuana-Aufklärungskurs verpflichtet. «Nützt der Kurs nichts und ein Jugendlicher wird zum zweiten Mal beim Grasrauchen erwischt, gibts je nachdem einen Verweis, eine Busse oder eine persönliche Leistung», erklärt der Jugendanwalt.
«Ein grosser Teil der Verurteilungen wird nicht eingetragen»
Das Jugendstrafgesetz kennt zwei Sanktionsformen: Die Strafe und die Schutzmassnahme – also die effektive Strafe, die uns nach einer Gesetzeswidrigkeit auferlegt wird und die Schutzmassnahme, wenn eine solche aus erzieherischen oder therapeutischen Gründen notwendig ist.
Zu den unterschiedlichen Strafarten gehört der Verweis, die persönliche Leistung wie in Form eines Arbeitseinsatzes im Altersheim, eine Busse und der Freiheitsentzug. «Bei den Schutzmassnahmen wird ebenfalls klassifiziert: Die Aufsicht kann als eigenverantwortliche Regelung angesehen werden. In diesem Fall sind die Eltern und der Jugendliche selber in der Lage, dem Problem etwa selber auf den Grund zu gehen», sagt der Jugendanwalt. Weiter gebe es Massnahmen wie die persönliche Betreuung, wo beispielsweise ein Jugendcoach oder Familienbegleiter mit der Familie des Teenies zusammenarbeitet und ihn in seiner Tagesstruktur begleitet, die ambulante Behandlung in Form einer Therapie und die Unterbringung in Erziehungseinrichtungen.
«Den Eintrag ins Strafregister gibts nur bei einem Freiheitsentzug, einer Unterbringung oder einer ambulanten Behandlung», so Killer. Mit dem Rauchen eines Joints oder dem Busfahren ohne Billett versauen wir uns also nicht gleich die Zukunft. «Ein grosser Teil der Verurteilungen wird nicht eingetragen», erzählt der Jugendanwalt.
Wir stehen an erster Stelle
Freiheitsentzüge auszusprechen stehe nicht an der Tagesordnung. «Das Jugendstrafrecht will den Jugendlichen nicht unnötig Steine in den Weg legen und ihnen die Zukunft verbauen». Es wäre nicht die oberste Priorität, jemanden so lange wie möglich wegzusperren, sondern mit ihm zu arbeiten und seine Ausgangslage zu verbessern.
Wie uns Patrik Killer erklärt, können wir die Einträge zwar nicht löschen, allerdings gibt es abhängig von der aufgeheimsten Schutzmassnahme, bzw. Freiheitsentzug, eine Löschungsfrist – und die kann von fünf bis zu zehn Jahren andauern. Da wir wegen eines mickrigen Graffiti-Streichs aber kaum in die geschlossene Abteilung gesteckt werden, bleibt das Strafregister leer. Zum Glück.
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