«Meine Mutter schickte mir vor ihrem Suizid eine SMS»

In der Selbsthilfegruppe «Nebelmeer» verarbeiten junge Menschen den Suizid ihrer Eltern. Wir durften uns einen Abend lang mit den Hinterbliebenen unterhalten.

«Am Abend bevor meine Mama Suizid beging, hat sie mir eine SMS geschrieben. Darin stand, dass sie es tun werde. Ich habe die Zeilen zuerst nicht ernstgenommen. Als ich dann später im Pflegeheim anrief, war sie bereits tot.» Tobias verlor seine Mutter mit 27 durch deren Selbsttötung. Nebst einer psychologischen Betreuung schloss sich der 34-Jährige der Selbsthilfegruppe «Nebelmeer» an. Eine Nachsorge für Jugendliche und junge Erwachsene, die einen Elternteil im Alter von zwölf bis 30 Jahren durch Suizid verloren haben. 

Eine vertraute Atmosphäre

Die Selbsthilfegruppe existiert in Zürich, Bern und Biel. Die Zürcher Gruppe leitet Jörg Weisshaupt. Der 61-Jährige gründete Nebelmeer 2004 vor allem deshalb, weil es für Jugendliche von Suizidenten lange keine Selbsthilfeangebote gab. «Sie bleiben oft sich selbst überlassen, weil sich Betreuer eher um den zurückbleibenden Elternteil kümmern. Auch Jugendliche sollen die Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie benötigen», teilt uns der ehemalige Primar- & Sekundarlehrer mit. 

Im Zentrum der Gruppensitzungen steht vor allem der Erfahrungsaustausch, um so die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten. «Anders als bei einer psychologischen Betreuung können die Teilnehmer hier auch mal einfach ruhig sein und zuhören. Sie sind in der Lage sich mit anderen Betroffenen in einem vertrauten Raum auszutauschen», sagt Jörg, der eine ergänzende psychologische Hilfe für nötig hält. Die Nebelmeer-Sitzungen seien eine andere Art des Austausches.

«Ich weiss nicht, wie sie klang»

Die Zürcher Gruppe trifft sich einmal im Monat für zwei Stunden. Ein Teil davon – Tobias, Nadja, Manuela, Sina, Nadja – haben sich bereit erklärt, uns von ihrer Vergangenheit zu berichten.

Der Tod eines Elternteils belastet die Gruppenteilnehmer unterschiedlich. So erzählt uns die 29-jährige Nadia etwa von den Momenten, in denen ihre Emotionen hochkochen: «Traurig macht es mich, wenn ich versuche, mich an die Stimme meines Vaters zu erinnern. Ich weiss nicht mehr, wie sie klang.» Andere erzählen uns, wie sie sich lange selbst die Schuld am Tod gaben. Hätte man den Suizid verhindern können? Oder Mama oder Papa gar helfen?

Helfen – aber wie?

Man nehme den Hilferuf suizidaler Menschen oft nicht ernst, teilen uns die Nebelmeer-Mitglieder mit. Nadja berichtet: «Mein Vater hat unserem Nachbarn einige Tage vor der Selbsttötung erzählt, wie, wann und wo er es tun werde». Und genau so geschah es dann auch. Der Nachbar habe die Familie über die Pläne des Vaters nie unterrichtet – bis es zu spät war. «Er hat Schuldgefühle, weil er es uns nicht mitgeteilt hat.» Einen Hilferuf, egal wie unglaubwürdig er rüberkommen mag, solle man nie ignorieren.

Einige Nebelmeer-Mitglieder wünschen sich zudem mehr Hilfe von Familie oder Freunden nach dem Suizid der Eltern. Sie erzählen uns von ihren Erfahrungen mit Bekannten die eher auf Abstand gehen, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen – einige brechen sogar den Kontakt ab. Ein unschöne Geste, die dazu führt, dass sich Betroffene oftmals noch einsamer fühlen. «Man weiss zwar nicht, wie man damit umgehen soll. Aber sich gar nicht zu melden, ist nicht richtig», legt Tobias Aussenstehenden nahe.

Darüber zu reden, ist notwendig

Derzeit spricht Jörg Weisshaupt mit acht Mitgliedern in Zürich, zehn werden in Bern betreut, drei junge Erwachsene in Biel. Insgesamt konnte die Selbsthilfegruppe in 14 Jahren über 100 Betroffenen in ihre Sitzungen einladen. Wir fragen uns, ob es den Trauernden nicht schwerfällt, mit uns über den Tod zu sprechen. Die 33-jährige Sina, die ihre Mutter verloren hat, erklärt uns: «Wir tabuisieren den Suizid schon genug. Dass wir darüber sprechen, hilft immens – und dient vielleicht sogar als Prävention.»

Bei dringenden Fragen oder Anliegen bezüglich Suizid und Suizidprävention, melde dich unter dieser Mailadresse: box@nebelmeer.net

Video von Valentina Sproge


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53 Kommentare

Xxxx vor 1 Monat
Wow dieser Artikel berührt mich sehr. Suizide ist ein Tabuthema wie oft dachte ich schon daran aber wenn ich lese was für ein Schmerz die Kinder erleiden wenn ein Elternteil Suizid begeht halte ich alles was im Leben kommt aus für meine Kinder . Schön das es eine Selbsthilfe Gruppe gibt. Danke
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NoName vor 1 Monat
Ich arbeite in der Psychiatrie und komme deswegen natürlich oft in Kontakt mit dem Thema Suizidalität/Suizidgedanken. Als ethische Grundhaltung denke ich, dass es jeder Mensch verdient hat zu leben, aber auch zu sterben. Wer bin ich, wenn ich mir anmute über andere ein Urteil zu schliessen? Wo es natürlich wichtig ist genau hinzuschauen, bei akuten Krisen, psych. Erkrankungen etc...es gibt viele die starke Suizidgedanken hatten, 1 Jahr später aber froh sind, dass sie noch leben. Aber eines ist mir wichtig, Menschen die Suizid begehen,lassen niemanden bewusst im Stich. Wisst ihr in welcher Not ein solcher Mensch ist um diesen Weg zu wählen? Er hat dann einen Tunnelblick - den es auch braucht wenn man Suizid begehen will...und zu 98% haben die Hinterbliebenen keine Schuld, obwohl sie sich ein Leben lang damit quälen. Und genau dies, versuche ich Patienten zu vermitteln (auch aus persönlicher Erfahrung); Du gibst deinen Schmerz an Andere weiter, auch wenn du einen Abschiedsbrief schreibst, fragrn sich viele nach dem Warum und "hätte hätte", du änderst das Leben deiner Liebsten schlagartig und es ist für diejenigen KEINE Entlastung (was erstaunlich viele Patienten denken) sondern eine BElastung. Trotzallem hat jeder Mensch seinen freien Willen, aber viele sind erstaunt sowas zu hören.. Also liebe Leute,nehmt eure Mitmenschen ernst, auch wenn sie zum 18. Mal sagen, dass sie sich was antun werden und man denkt "jaja macht eh Nichts wie immer", versucht füreinander da zu sein und schreckt nicht davor zurück euch Fachhilfe zu holen.
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Antwort von R3alist vor 1 Monat
Ich hätte es nicht besser schreiben können. Wiederspiegelt genau meine Meinung.
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Zombie vor 1 Monat
Sehr geehrte Damen und Herren, mein weiterer etwas längerer Kommentar, widme ich Denjenigen, die mit Selbstmord jemals konfrontiert wurden und es aber doch gelassen haben und auch an Dijenigen, Die einen guten Menschen durch seinem Suizid verloren haben, Dankeschön!! Das Leben ist ein Geschenk der Natur und die Natur ist manchmal sehr hart und erbarmunglos und leider auch zerstörungslustig z.B. grosse Uberschwemmungen, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Schneestürme, Tornados etc und das alles hat schon millionen von Menschen auf der ganzen Welt jung und alt einfach so aus dem Leben gerissen!! Wir Menschen sind ebenfalls aus der Natur enstanden und " Dummerweise " können Manche Menschen anderen Menschen enorm viel schlechtes antun und zwar solange, bis das arme menschliche Opfer nur noch Selbstmordgedanken hat und das ist wortwörtlich scheissegemein und absolut unverantwortlich!!! Es betrifft meistens die etwas sensibleren Menschen und selten die kaltherzigen Menschen, weil Solche ja auch keine Gefühle empfinden können! Auch wenn das heute beinahe fast niemand mehr glauben will, so muss ich betonen, das alles was wir täglich erleben gutes und schlechtes speichert sich in unserem Gehirn, entweder bewusst oder unbewusst und danach speichert sich das nach dem sogenannten " Psychologischen Verdauen " irgendwo in unseren menschlichen Organen!! Leider wurde auch ich in meinem Leben zweimal mit Suizid konfrontiert, weil ich seit meiner Entstehung ein sehr starker emotionaler Mensch bin und gewesen bin, seltsam nich wahr? Denn ein Zombie muss ja unbedingt ein Monster sein 😃!!! Ich habe es in einem anderen Artikel schon mal erwähnt um was es ging bei mir, das es mich damals soweit bis zum Suizidgedanken gebracht hatte, um es kurz zu machen, war es das erste Mal mit 17 Jahre als ich herausfand Bisexual zu sein und aufgrund der " Anderen " es nicht aushielt und selbstmord machen wollte, dann das zweite Mal war es als meine langjährige damalige Freundin nach 4 - 5 Jahren von mir wegging und ich kurz darauf mein geliebter Job als Filmarbeiter ebenfalls alles auf einmal verloren hatte!! Für mich bedeuteten diese zweimale den Weltuntergang aber grossen Dank an meinem schwarzen Humor und mein sarkastischer Charakter lies ich einfach alles sein und vertraute dem ururalten Spruch " Auf Regen folgt auch wieder Sonnenschein " und genau so war es dann auch und ich merkte sehr schnell, dass ich nun mal nicht der Typ für Selbstmord bin sondern eher im Gegenteil, ein süditalienischer Kämpfer den niemand umhauen kann!! Mit der Zeit entwickelte ich alleine aus Erfahrung eine Technik, wo sogar noch ein guter ehemaliger Kumpel von mir ebenfalls das Leben vor dem Selbstmord gerettet hatte und möchte es gerne schildern, wie ich sein Problem mit Ihm diskutiert habe, zumindest das was ich mich noch daran erinnern kann, Dankeschön!! Aufgrund eines anderen Typen, wo mehr Geld und Autos und eine grosse Luxuswohnung hatte, verlor mein damaliger Kumpel seine so sehr von Ihm geliebte Freundin!! Er war am Boden zerstört und hatte das Gefühl, das er nicht mehr am Leben bleiben sollte! Er sass weinend vor mir auf sein Stuhl und ich versuchte Ihn zu beruhigen indem ich Ihm ein paar Fakten aufgedeckt hatte und zwar, das er eher froh sein sollte dass diese damalige Dame von Ihm weg gegangen ist, weil er dadurch niewieder von so einer ausgenuzt werden konnte und schon dort hatte er nach diesem Satz ein anderer Gesichtsausruck und gab mir Recht aber er weinte immernoch und drohte das er Suizid begehen werde! Ich schaute Ihm ganz tief in seine Augen und meinte, weisst du eigentlich wie lustig das für Sie dann wäre? Die würde sich ab dir dann nur weglachen glaub mir und du willst Ihr tatsächlich diesen Gefallen machen, ganz sicher HE?? Nach meinem weiter Satz hier öffneten sich seine Augen und er schaute mich fragend an un meinte plötzlich das er das doch nicht tun will und umarmte mich mit einem grossen Dankeschön!! Ich erlaüterte Ihm dann, das ich es gewusst habe das er keine sogenannte " Meme " ist und sich für andere sein Leben beenden will und sofort munterte ich Ihn noch mehr auf und brachte Ihn ganz am Schluss DOCH noch zum lachen indem ich Ihm sagte " Weisst du Kumpel, Selbstmord ist absolut gesund und lebenswert glaub mir, ahh wie schöönnn es doch einem nach dem Suizid bloss geht gell, stell dir vor danach befindest du dich alleine in einem Sarg und dort kannst du dann alles tun und lassen was auch immer du willst, das ist doch tooollll gell, weisst du was? Komm schicken wir deiner Exschlange Fotos von einem Sarg mit der Schrift dass du jezt unbedingt Selbstmord machen willst und dass du dir auch noch den Sarg mit deiner Lieblingsfarbe ausgesucht hast und ganz am Schluss des Briefes unten drann schreibst du dann PS: Geh scheissen du Drecksau!!! Hehehe nach meinem Satz musste er so laut rauslachen, das er so schnell nicht wieder aufhören konnte 😃 😃!!! Danach nahm ich Ihn langsam unter sein Arm und hebte Ihn wieder hoch und brachte Ihn vor seinem Wandspiegel und sagte Ihm " Gug dir mal diesen freundlichen Mann an, ob du es mir glaubst oder nicht ab diesem Mann sehe ich ein wahrer Kampfroboter aus den 20iger Jahren aus der Steampunkzeit " danach machte ich lustige Faxen mit Ihm vor dem Spiegel und er lachte danach nur noch ab seinem vorherigen schrecklichen Schmerz!! Soweit ich mich noch erinnern kann, war er danach von seinen Suizidgedanken befreit, ok er war ab und zu schon noch ein wenig traurig aber niemals mehr selbstmordgefährdet und sobald wir uns dann wieder in der Kollegengruppe trafen grinste er wieder sobald er mich wiedersah!! Tja es war eine sehr harte Arbeit aber er hatte es geschafft, genau das wollte ich ja auch für Ihn!! Das alles habe ich niemals für Geld oder Wertsachen gemacht, sondern aus reinem guten Herzen gegenüber meinen Mitmenschen, denn ein guter Mitmensch ist für mich unbezahlbar und das wertvollste überhaupt egal ob Mann oder Frau!! Zum Schluss noch eine Message an den Hinterbliebenen : Liebe Leute, in manchen Situatinen im Leben muss man lernen radikal gegenüber Gefühlen zu sein, also wenn Ihr die Eltern, Sohn oder Tochter oder Bruder oder Schwester oder Kumpel / in durch deren Ihren Suizid verloren habt, dann hört so schnell wie möglich auf euch selbst dafür verantwortlich zu machen, ich weiss es ist leichter gesagt als getan aber Ihr helft somit gar niemanden indem Ihr euch dauernd Schuldgefühle reinredet, das wollte Er oder Sie als Verstorbene / r ganz sicher nicht, akzeptiert lieber deren Ihren Selbstmord denn jezt haben Sie offenbar den Frieden für immer gefunden, denn es war Ihren Willen von der Welt zu gehen und vergesst nie und niemals dass Sie nur VOR uns gegangen sind, denn leider müssen wir alle so oder so auch einmal gehen und dann landen wir an demselben Ort wo es nur noch " Solamente Nero " ist !!! Ich widme allen Hinterbliebenen noch eines meiner absoluten Lieblingsliedern um darüber in aller Ruhe die Gedanken in den richtigen Plätzen im Kopf zuordnen und meditieren zu können, Dankeschön!!! " Besten Dank für die allgemeine Aufmerksamkeit!!!
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