«Ich outete mich per SMS bei meiner Mutter als transgender»

Lars ist ein Transmann, der sich gerade in der Geschlechtsanpassung von Frau zu Mann befindet. Mit uns spricht der erst 16-Jährige über sein Coming-Out, Operationen und was ihn am meisten verletzt.

«Du musst entschuldigen, ich bin ein bisschen nervös», warnt mich Lars zu Beginn unseres Gesprächs, als wir bei uns in der Redaktion sitzen. Verständlich, denn der erst 16-jährige Luzerner trifft mich, um über sein Leben als Transmann zu sprechen. Doch er korrigiert: «Ich erwarte die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung.» Lars will nämlich im Filmbereich arbeiten. Da geht ohne Studium, folglich ohne Aufnahmeprüfung und ohne Bestehen, nichts. Während des Gesprächs blitzen seine dunklen, grossen Augen durch die langen Wimpern immer wieder auf sein iPhone hinunter.

Über sich selbst zu sprechen, macht Lars hingegen gar nicht unruhig. Er trägt braune, kurze Haare und hat einen stattlichen Körperbau. Seinen Oberarm ziert ein Tattoo. Ein Drache, der aus Wolken herausbricht. «Die Wolken sind meine Weiblichkeit, der Drache meine Männlichkeit», erklärt er und fügt hinzu: «Meine Weiblichkeit ist tot.»

Forever alone 

Als Lars noch Jeanine war, zog er Hosen den Röcken vor und tollte lieber herum, als mit Puppen zu spielen. «Im Kindergarten feierten es alle, dass ich als Mädchen Fussball spielen wollte», erinnert er sich. Doch irgendwann sind Kinder nicht mehr lustige kleine Spielkameraden, sondern mutieren zu süssen, asozialen Arschlöchern. Dies geschah bei Lars in der Primarschule, wie er erzählt: «Ich wollte mit den Jungs spielen, die wollten mich aber nicht, darum musste ich zu den Meitli. Zu denen wollte ich aber nicht.» So verliefen seine Primarschuljahre ohne Freunde. Forever alone, eben. Lars – oder eben damals noch Jeanine – war halt einfach anders – und allein.

Als er in die Oberstufe übertrat, belastete ihn das Anderssein immer mehr. «Ich dachte zuerst, ich sei eine Lesbe, die sich halt einfach wie ein Typ anzieht. Ist ja noch üblich», meint Lars achselzuckend, der übrigens bei seiner Ankleide echten Stil beweist. Doch dass er lesbisch sein sollte, ergab für ihn nicht wirklich Sinn. Anscheinend auch für seine Klassenkameraden nicht – denen er sich nie gegenüber geoutet hat. «Ich bekam mal eine SMS von einem unbekannten Mädel», erzählt der 16-Jährige, «das schrieb mir wirre Dinge und fragte mich schlussendlich, ob ich mit ihr schlafen wollte.» Dahinter steckte eine fiese Klassenkameradin, die den Gerüchten über seine sexuelle Identität auf den Grund gehen wollte. Der Schluss dieses Gespräch endete darin, dass sie ihm mit einer Tracht Prügel drohte.

«Mami, ich bin Trans»

Doch Lars hatte weitaus andere Sorgen. Nämlich den Kampf mit sich selbst. Kurz vor seinem vierzehnten Geburtstag konnte er sich endlich das eingestehen, was er schon lange wusste: «Ich bin einfach ein Typ, fertig», weiss er heute. Und dann machte er einen Schritt, den sein Leben als Transmann extrem erleichterte: Er besuchte eine Psychologin. Eine reife Entscheidung für eine damals 14-jährige Person. Nach dem ersten Gespräch bei einer Fachperson folgte die nächste schwierige Hürde: Sich bei seiner Mutter als Transgender zu outen.

«Wir haben keine tiefe Verbindung, einfach eine Mutter-Kind-Beziehung», definiert Lars das Verhältnis zu ihr. Als es darum ging seine Geschlechtsidentität zu gestehen, griff er zu modernen Mitteln und schrieb ihr eine SMS. «Mami, ich bin Trans und wenn du das nid akzeptiersch, isch mir das egal, ich gang min Weg!» Senden. Als er nach einer mehrtägigen Abwesenheit Zuhause aufkreuzte, sicherte ihm seine Mutter ihre Unterstützung zu. «Doch sie musste es zuerst verdauen.» Auch heute, zwei Jahre nach seinem Outing, kommt seine Mutter immer noch nicht ganz damit klar, dass ihr Kind, das sie als Tochter aufgezogen hatte, nun ihr Sohn ist. «Manchmal bezeichnet sie mich immer noch als ein Mädchen oder spricht mich als Jeanine an.» Und das trifft Lars, der eine recht dicke Haut gegen Beleidigungen und Gerüchte um seine Identität entwickelt hat, am meisten. «Ich will den Namen nicht mehr hören. Es tut so sehr weh und wirft mich zurück», betont Lars und fährt sich dabei nervös durch die Haare. 

Blutige Knöchel & «Testo»

Man würde erwarten, dass Lars nach seinem Outing eine einfachere Zeit bevorstand. Doch das letzte halbe Jahre seiner Schule sollte sich als die schwierigste Zeit bis dahin erweisen. Seine Lehrer wussten, dass Lars transgender ist. Seine Klasse, in der er nicht wirklich Freunde hatte, nicht. «Bei meinen Freunden ausserhalb der Schule war ich Lars, doch in der Klasse war ich immer noch Jeanine», erinnert er sich. Dieses «Zwischen den Stühlen»-Sein warf Lars in eine dunkle Phase. Auch Selbstverletzung gehörte dazu. Als mein Blick zu seinem Arm auf der Suche nach Narben wandert, erklärt er: «Ich boxte stundenlang in die Wand, meine Knöchel waren oft blutig.» Ob seine Zeit so dunkel war, dass er sich das Leben nehmen wollte? «Nein, ich wünschte mir oft, nicht als Jeanine auf dieser Welt zu sein, aber nie tot», beschwichtigt er. Seine Stimme zittert.

Eine Stimme übrigens, die sich dank der Testosteronbehandlung in den letzten acht Monaten sehr männlich anhört. Lars nennt das männliche Hormon «Testo». Bald steht ihm auch die erste Operation bevor. Die Brüste werden ihm abgenommen, bisher hat er die ihm fremdem Körperteile abgebunden, doch jetzt soll es vorangehen. «Ich will einfach die scheiss OP hinter mir haben, damit ich im Sommer problemlos schwimmen gehen kann.» Die Hormonbehandlung und OP-Kosten übernimmt grösstenteils die Krankenkasse.

«Es wird besser»

Operationen «unter der Gürtellinie», wie Lars von sich aus erzählt, stehen noch auf der Kippe. «Es gibt viele Transmenschen, dich sich dafür schon hundert Mal unters Messer gelegt haben. Ich weiss nicht, ob ich damit klarkommen könnte», erzählt er nüchtern. Und im Endeffekt sei es halt «einfach kein echter Penis» Und genau in solchen Momenten vergisst man, dass Lars 16 Jahre alt ist. Diese Art wie er seine Gedanken und Bedürfnisse klar ausformuliert, die Intelligenz und Reflektiertheit. Und schlussendlich auch sein Mut. 

Und auch wenn Lars noch nicht seinem äusseren, physischen Wunschbild entspricht und sicherlich noch einige Kämpfe mit sich selbst und seiner Umwelt auszutragen hat, kann er jetzt schon sagen: «Es wird besser.» Eine Message die ihm wichtig ist, die er mir am Ende unseres Gespräches für weitere Transmenschen, die das hier lesen, mitgibt. Und auch wenn das sehr floskelig klingt, glaub ich ihm das. 

Ein paar Tage nach unserem Gespräch kriege ich eine WhatsApp von Lars: «Bestandä.»


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114 Kommentare

Henry B. vor 5 Monate
Lieb* Sarah Christen, ich hätte noch einige Anmerkungen zu Ihrem Artikel zu machen. Als erstes finde ich allgemein fraglich, Minderjährige zu diesem Thema zu interviewen, ein 21-jähriger wäre meiner Meinung für das Format jugendlich genug gewesen. Deadnaming (benutzen des alten Namens)ist tabu.Klar hat Lars Ihnen den alten Namen erzählt.In Unwissenheit, was sein Tun für andere Trans*Menschen, denen Deadnaming nicht egal ist, bedeutet. Weiterhin sind Ihnen zwei unglückliche Formulierungen unterlaufen. "Eine Stimme übrigens, die sich dank der Testosteronbehandlung in den letzten acht Monaten sehr männlich anhört."Die Formulierung finde ich fraglich, weil sie impliziert, dass nur (Trans*) Menschen mit tiefer Stimme männlich sind und das Foto 4/11, auf dem ein fast nackter Trans*Mann (Warum?)zu sehen ist.Die Bildunterschrift lautet:"... Zuvor müssen aber psychologische Abklärungen geschehen." Das ist falsch.Die psychologischen Abklärungen sind gesetzlich vorgeschrieben, notwendig sind sie in Bezug auf Trans* nicht.Trans* sein ist weder eine Krankheit noch ein psychologischer Defekt. Mit freundlichen Grüßen Henry B., Kollege
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C vor 5 Monate
Ok, mal eine Lektion für alle, die zu faul zum Googlen sind: 1.) Trans ist man, wenn man im falschen Körper geboren worden ist. Es ist nicht "heilbar" und keine Krankheit. Wennschon, dann könnte man sich durch Transition heilen, d.h. indem man z.b. Testosteron nimmt, oder primäre/sekundäre Geschlechtsorgane operieren lässt. 2.) Transmenschen gibt es nicht nur heutzutage, bringt also nichts, sich über "all die neuen Geschlechter" aufzuregen. Das Phänomen ist in der Geschichte mehrfach belegt, nur war es natürlich schwieriger, offen trans zu sein als heute. 3.) Oft erkennt eine Person schon in sehr jungem Alter, dass sie Trans ist, obwohl noch keine Vorstellung von dem Konzept vorhanden ist. Auch bei gewissen Naturvölkern ist eine Art "drittes Geschlecht" bekannt, und zwar schon sehr lange und unbeeinflusst von der modernen westlichen Welt. 4.) Wenn wir schon dabei sind, es gibt auch Leute, die sich als non-binary ansehen, also nicht eindeutig einem Geschlecht angehörig. Das kommt von der Tatsache, dass Geschlecht nicht als binär, sondern eher als Spektrum gesehen werden sollte. Wer also non-binary ist, ust irgendwo dazwischen, oder wechselt je nach Tag. 5.) Trans zu sein ist weder eine Störung, eine psychische/physische Krankheit, noch ist es eingebildet, oder ein modernes Phänomen, und schon gar nicht ist jemand zu jung für so etwas. So, ich hoffe, irgendjemand konnte etwas neues von mir lernen. Es ist immer gut informiert zu sein, ich habe gemerkt, dass die meisten abschätzigen Kommentare aus Unwissenheit geschrieben werden.
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Antwort von Henry B. vor 5 Monate
Son Schwachsinn,trans*heißt NICHT,man wurde im falschen Körper geboren, man kann sich nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren.V on Trans*menschen in früheren Jahren zu sprechen ist fraglich,es sei denn,die Person hat explizit erwähnt,dem anderen Geschlecht/keinem Geschlecht anzugehören.Alles andere ist eine Zuweisung.Ja, es ist immer gut,informiert zu sein.
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Antwort von Silver Apples of the Moon vor 5 Monate
"Im falschen Körper geboren" ist wohl eher so eine Redewendung. Im Prinzip wäre "mit den falschen Geschlechtsorganen, innen wie aussen" korrekter. "Das zugewiesene Geschlecht" wird anhand dessen bestimmt, was man bei der Geburt sieht. Insofern ist auch dieser Begriff fragwürdig. Es mutet ja schon komisch an, wenn man als Betroffene/r mit einem äusserlich wie genetisch eindeutigen Geschlecht sich darüber beschwert, "das zugewiesene Geschlecht" sei falsch. Vielmehr muss man der Entwicklung des Gehirns als Fötus Beachtung schenken. Das körperliche Geschlecht wird durch die Chromosomen (XX/XY/XXX/XXY/XYY/XXYY etc., ja da gibt es Abweichungen) bestimmt. Das ist bereits bei der Befruchtung festgelegt. Ist ein Y involviert, hat das immer zur Folge, dass die primären Geschlechtsmerkmale männlich sind. Mit vielen möglichen Abweichungsformen (Hodenhochstand, Mikropenis etc.). Das Gehirn hingegen ist während der ganzen Schwangerschaft verschiedenen Hormonausschüttungen ausgesetzt. Hier ist relevant, wieviel Testosteron wann ausgeschüttet wird. Wie stark gegengeschlechtliche Hormone wirken, kann jeder auf eigene Gefahr selbst ausprobieren. Es beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Dass dies auf ein noch nicht vollständig entwickeltes Kind eine vielfach stärkere Wirkung bzw. jetzt von selbst. Alle Veränderungen durch Hormongaben sind ab einem bestimmten Zeitpunkt irreversibel, ob das bereits im bereits Mutterleib oder nach der Geburt stattfindet ist egal. Nach der Geburt steht das Kind alleine mit dem eigenen Hormonhaushalt da. Hat es keine Eierstöcke, fehlt das ¨Östrogen, hat es keine Hoden, das Testosteron, in beiden Fällen in jeweils ausreichender Menge. Damit erklärt sich auch, warum ein Transgehirn nicht geheilt werden kann. Ausser der Gabe von Hormonen, um den Körper dem Geschlecht des Gehirns anzupassen, und einer OP, gibt es keine Alternativen. Ein Transmensch fühlt sich mit der Einnahme der gegengeschlechtlichen Hormone schnell viel wohler. Probleme machen das ¨Äussere. Glück haben jene Transkinder, die früh mit der Einnahme der Hormone beginnen. Dort ist im Endeffekt äusserlich nur die u.U. Neovagina bzw. der Neopenis noch verräterisch. Chromosomatisch verändert sich natürlich nichts. Hier bleibt das bei der Befruchtung der Eizelle bestimmte Geschlecht bestehen. Ja, es ist immer gut, gut informiert zu sein.
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