Wieso schaffen sich Erwachsene imaginäre Freunde?

Im Internet tauschen sich Menschen darüber aus, wie sie sich am besten imaginäre Freunde schaffen. Eine schräge Community.

Früher ging man davon aus, dass Kinder mit imaginären Freunden psychisch gefährdet seien: Sie seien nicht fähig mit anderen zu spielen, die Fantasie sei ihre Zufluchtswelt. Mittlerweile behaupten Studien das Gegenteil: Fantasiefreunde sollen auf kreative Weise dabei helfen, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Laut verschiedenen Studien schaffen sich rund zwei Drittel aller Kinder mal einen unsichtbaren Kameraden – und teilweise bleiben diese gar bis ins Erwachsenenalter hinein, stellt beispielsweise der amerikanische Psychologe Jerome Singer fest.

Der Meinung sind nicht nur diverse Psychologen, sondern auch eine erstaunlich grosse Szene, die sich mit dem Erschaffen, dem Erhalten und gar sexuellen Beziehungen mit Fantasiegeschöpfen auseinandersetzt. Klingt schräg, aber die Leute berichten beinahe ausnahmslos von positiven Erfahrungen damit.

Rückgriff auf Buddhismus

«Tulpas» nennen sie die imaginären Freunde – ein Begriff, der ursprünglich auf den buddhistischen Begriff für «Erscheinung» zurückzuführen ist. «Ein oder eine Tulpa ist ein Phänomen, dass sich auf unsichtbare Freunde, gespaltene Persönlichkeiten, tibetischen Buddhismus, moderne Psychologie, Schamanismus (…) und kuriose Gedankenspielchen bezieht», schreibt ein anonymer Autor in einem beinahe 200 Seiten langen Guide zum Thema – der derzeitigen Bibel der Tulpas: «Man könnte sagen: Es ist eine Philosophie».

Das grösste Forum der mehrheitlich männlichen und im Schnitt rund 18-jährigen Anhänger dieser Philosophie zählt über 10'000 Mitglieder (wobei man festhalten muss, dass gewisse Menschen für ihre Tulpas eigene Accounts erstellen). Rund 1500 davon verfassen Tagebücher oder Protokolle über das Leben mit ihren unsichtbaren Freunden, meist angereichert mit Skizzen im Anime-Style oder komplexen Hintergrundgeschichten.

Hypnose und Meditation

Um die Kreaturen zu erschaffen, bedienen sich die Anhänger dieser Bewegung bei Hypnose- und Meditationstechniken, versuchen sich an luzidem Träumen, machen Vorstellungsübungen und rezitieren Aussehen und Geschichten ihrer Tulpas wieder und wieder in ihrem Kopf. Bis irgendwann ein süsses «Hallo» erklingt. Oder ein «Fuck off», falls man sich Tyler Durden aus «Fight Club» als Vorbild für den Fantasiebuddy genommen hat.

Wie «real» die unsichtbaren Freunde angeblich werden können, offenbart sich nicht nur bei den positiven, sondern auch bei den negativen Erfahrungen: Mehrere User berichten davon, dass sich zwei unsichtbare Freunde dauernd anschreien und sie so beinahe wahnsinnig machen.

«Sie hilft mir bei meinen Depressionen»

«Vielleicht klingt das für <normale> Menschen etwas gefährlich oder schizophren, aber Tulpas sind etwas Harmloses und Gutes», schreibt Tom*. Der 24-jährige Brite ist regelmässig auf dem Forum von tulpa.info unterwegs und hat sich einen Narren an zwei Mitbewohnerinnen in seinem Kopf geschaffen. «Mia ist knapp zehn Monate alt. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus einer Fee und Fluttershy von <My Little Pony> und ist unheimlich herzlich zu mir», schreibt er. «Meine andere Tulpa heisst Tifa, ist ziemlich sassy und sieht aus wie ein Mensch mit Flügeln. Sie ist erst zwei Monate alt. Zu Beginn stritten sie häufig, aber jetzt mögen sie sich ziemlich gut.»

Auf Tulpas stiess Tom eher zufällig in einen Subreddit für Depressive. Nachdem er sich ein paar Wochen ins Thema eingelesen hatte, beschloss er, sich ebenfalls einen unsichtbaren Buddy zuzulegen. «Ich habe viel mit meinen Depressionen zu kämpfen, bin ziemlich introvertiert und ohne viele Freunde aufgewachsen», schreibt der Brite. «Und da hilft natürlich eine Gefährtin weiter – auch wenn sie <nur> für dich existiert.»

Psychiater: «Das ist okay!»

Wegen seinen Depressionen besucht Tom in eher unregelmässigen Abständen einen Psychologen. «Nach zwei Monaten erzählte ich ihm von Mia. Er bemerkte, dass mir die unsichtbare Freundin hilft und meinte nur, das sei gar nicht so ein seltenes Phänomen», schreibt er. Das bestätigt beispielsweise der kanadische Psychiater Ken Shulman, der bei verwitweten Rentnern imaginäre Kumpanen feststellte.

Ob das nicht doch gefährlich ist? Nun: Die wenigen Studien und Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen auseinandersetzen, wissen kaum negatives zu berichten. Der kognitive Neurowissenschaftler Samuel Veissière stellt interessanterweise aber fest, dass Parallelen zwischen Tulpas und inneren religiösen Erfahrungen bestehen. Tja: Gott steckt vielleicht doch in jedem von uns. Auch wenn wir ihn zuerst herbeihalluzinieren müssen.

Den Vergleich mit der Religion würden Toms Eltern jedoch nicht teilen. Sie wissen noch nichts von seinen unsichtbaren Buddys, denn: «Meine Eltern sind Christen und meine Freunde eher konservativ. Und die würden wohl gleich denken, ich sei jetzt durchgedreht. Ich hoffe, dass man irgendwann offener über Tulpas sprechen kann, ohne dass einen die Menschen gleich verurteilen.»


Kommentar schreiben

13 Kommentare

Einerwiekeiner vor 21 Tagen
Scheisse, muss sofort zum Psychiater, bin nicht schizophren und habe kein imaginären Freunde. Halt Stopp, vielleicht kann ich mit Gott oder Allah etwas drehen, muss mal schauen.
6
2
Antwort
Zorro vor 22 Tagen
Schaut euch auf Stupidedia den Artikel "Stofftiere" mal an. Das sind meine 4 lebendigen Freunde mit denen ich (24) und mein Bruder (30) noch heute Geschichten erfinden und zusammen spielen.
6
0
Antwort
RT vor 22 Tagen
Total Beduckt !!!
0
0
Antwort
Einsam und verlassen vor 22 Tagen
Ich bin in bester Gesellschaft mit mir selbst. Imaginäre Freunde habe ich bisher keine kennengelernt. Lohnt es sich, einen solchen in meinen erlauchten Kreis zu lassen?
8
0
Antwort
Auf ein Bier mit einem Verschwörungs­theoretiker

Auf ein Bier mit einem Verschwörungs­theoretiker

Wer braucht Penistaschen und tragbare WCs?

Wer braucht Penistaschen und tragbare WCs?

video
Dieser Pole nimmts dir, einfach so

Dieser Pole nimmts dir, einfach so

80’000 Menschen feiern diese 8-Bit-Kunst

80’000 Menschen feiern diese 8-Bit-Kunst