Ihr seid ja immer noch die gleichen Loser

Unser Redaktor verbringt Weihnachten jedes Jahr zuhause in der tiefsten Provinz. Dort trifft er dann seine alten Freunde und holt sich so einen Ego-Boost.

Zuhause ist da, wo ich mein Handy auflade. Mit meinem nervösen Lebensstil verbringe ich nur wenig Zeit in den eigenen vier Wänden – meist landet man irgendwo in der Stadt, bei Freunden, Gspusis oder in der Bahnhofshalle, um danach im ersten Zug einzuschlafen und die eigene Haltestelle zu verpennen.

Was ich aber noch mehr meide als meine kleine, verdreckte Wohnung, ist das Elternhaus. Dort in der tiefsten Provinz wartet selten etwas Gutes. An Weihnachten, die ich gezwungenermassen bei meinen Erzeugern verbringe, bietet sich jedoch die perfekte Gelegenheit, mal wieder die alten Schulfreunde zu treffen. Der Nostalgie Willen einerseits, andererseits aber auch für den sozialen Abwärtsvergleich, der mir als arrogantes Arschloch jedes Jahr einen willkommenen Ego-Boost verschafft.

Mein persönliches Provinz-Dschungelcamp

Opa gehts nicht besonders. Jedes Jahr werden seine Hände beim Familienessen etwas zittriger, jedes Jahr schaut er noch einen Zacken trauriger, wenn er beim Dessert eine Blues-Platte auflegt und laut über früher nachdenkt. Herzzerreissend. Schnaps hilft, diesen Moment zu ertragen. Deshalb stehe ich schon auf relativ wackeligen Beinen, als ich mich kurz vor Mitternacht verabschiede. Auf zum entspannteren Teil des Abends: In der Dorfbeiz, wo sich an Heiligabend die Nicht-mehr-ganz-so-Jugendlichen der Region versammeln, warten bereits all die alten Freunde, um die ich mich das ganze Jahr über einen Dreck kümmere.

Ich bin mir nicht sicher, warum ich an Weihnachten doch immer hier lande. Aber hands down: Wahrscheinlich geht es einzig und allein darum, mich selbst besser zu fühlen, indem ich feststelle, wie langweilig das Leben der Anderen doch geworden ist. Meine kleine Realityshow quasi – das provinzielle Dschungelcamp mit einem vergleichbaren «Wer ist dieser Typ nochmals und was bitteschön hat er erreicht?»-Feeling.

«Kein Joint? Du hast dich verändert, Mann!»

Da gibt es etwa die ehemals besten Freunde, zu denen ich über die Jahre hinweg den Kontakt verloren habe. Sie wohnen noch immer bei Mama, schauen sich weiterhin jeden Teil der «Fast & Furious»-Reihe an – und müssen dir natürlich dringend vom neuesten erzählen – und das Kiffen haben sie auch nie aufgegeben. «Was? Du rauchst nicht mit? Du hast dich voll verändert, Mann!»

Genau darum geht es doch: Im Gegensatz zu ihnen bin ich nicht in meinem Teenager-Mindset hängen geblieben. Die meisten Menschen sammeln Erfahrungen, reflektieren, wachsen an Herausforderungen und passen ihren Lebensstil den neuen Umstände an. Aber das ist natürlich schwierig, wenn du es nie weiter als zehn Kilometer aus dem Ort schaffst, in dem du damals Fahrradfahren gelernt hast.

Dein Schulschwarm hat jetzt Kinder

Noch interessanter sind Ex-Freundinnen – die Schönen und die Biester. Mit der einen hattest du nie Sex, weil die Primarschul-Beziehung noch jugendfrei ablief. Nun steht sie vor dir, immer noch wunderhübsch, und du fragst dich, was wohl hätte sein können.

Allerdings liess sich dein Pausenhof-Darling bereits kurz nach der Lehre schwängern. Der Typ hat sie mittlerweile zwar verlassen und sie schlägt sich alleine durch – trotzdem verliert dein früherer Schwarm schlagartig jeden Reiz, sobald sie vom kleinen Alessio erzählt, der schon bald eingeschult wird. Die einst progressiven Ansichten sind ausserdem einem konservativen Weltbild gewichen und das gemietete Haus mit Garten klingt auch nicht besonders sexy. Gratuliere – deine Ex lebt jetzt wie eine Bünzli-Mama und findet Ed Sheeran lässig.

Die andere frühere Geliebte ist eine Furie. Den kleinen Ausrutscher mit der Arbeitskollegin nimmt sie dir auch heute noch übel. Es ist jetzt fünf Jahre her, komm darüber hinweg, Rebecca. Süffisant schaut dein einstiger Lieblingsmensch nun auf dich herab, während du tief in die Floskelkiste greifst: «Oh, du also au do? Wie laufts? Was machsch im Lebe? Wie gohts de Eltere? Okcool.» Als du dich dann ihrem neuen Freund – ein überraschend sympathischer Dude – zuwendest, zerrt sie ihn bereits nach einer halben Minute von dir weg: «Chömmer bitte wiiter?»

Die grosse Selbsterkenntnis

Irgendwann geht die Sonne auf und ich fühle mich grossartig. Selbstgefällig flätze ich mich in den Taxi-Rücksitz und lache mir ins Fäustchen: Ihr seid also immer noch die gleichen Loser wie eh und je, denke ich mir und kann es kaum erwarten, mich in der Stadt mit meinem aktuellen Umfeld über die Geschichten zu amüsieren.

In einem kurzen aber intensiven Moment der Selbstkritik wird mein hart erkämpfter Ego-Boost dann doch noch getrübt: Klar, viele meiner alten Freunde stecken in öden Beziehungen und führen eine simple Existenz, um die ich sie keine Sekunde beneide. Aber wie denken sie wohl über meinen Lebenswandel? Bin ich wirklich weniger langweilig, nur weil ich seit einem halben Jahr keinen Abend mehr nüchtern war und mich auf Gästelisten für Hipster-Partys setzen lasse? Weil ich so tu, als wäre ich weltoffen, obwohl ich genau genommen ähnlich festgefahren bin, in einem lauten aber trotzdem nicht wirklich befriedigenden Leben?

Vielleicht bin ja ich der Loser.


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80 Kommentare

floyd vor 15 Tagen
Leben & leben lassen! Es gibt kein richtig oder falsch, jeder macht das, was er will 😃 Wissen denn deine ehemals besten freunde, was du über sie geschrieben hast?
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Antwort
Lola vor 15 Tagen
Mir hets gfalle!
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Antwort
Peter vor 17 Tagen
naja, ich dachte es schon in der Hälfte. Aber ich bin trotzdem froh, dass Du von selbst darauf gekommen bist...Loser ist relativ aber wer dermassen verzweifelt ausschau nach Menschen "unter ihm" hält, ist garantiert kein Winner
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Antwort
Lia vor 17 Tagen
oh ja, garantiert bist DU der Loser. Einfach nur armselig. Dass du weggezogen bist, muss für alle eine grosse Freude gewesen sein.
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