«WC-Papier zu kaufen, würde mich überfordern»

Unser Redaktor kann nicht verstehen, dass sein Bruder mit fast 30 Jahren immer noch zuhause wohnt. Ein Gespräch unter Geschwistern.

Solange ich mich erinnern kann, schaue ich zu meinem Bruder auf. Logisch, schliesslich ist er der Ältere von uns beiden und wenn ich in Kindertagen frech war, gabs einfach aufs Maul. Geschwisterliebe halt.

Heutzutage verstehen wir uns hervorragend, gehen öfter mal zusammen aus und besprechen auch private Probleme, als wären wir gute Freunde. Nur ein Punkt führt immer wieder zu hitzigen Debatten: Mit 29 Jahren wohnt er immer noch bei unserer Mutter. Ich treffe ihn in seinem Kinderzimmer und stelle ihn zur Rede.

Mal im Ernst: Warum genau wohnst du immer noch zuhause?
Nach der Berufslehre verbrachte ich zwei Jahre im Ausland. Deshalb machte ich mir gar keine Gedanken übers Ausziehen. Eine Verletzung zwang mich dann, mich längerfristig hier einzurichten.

Das ist jetzt zehn Jahre her und trotzdem bist du nie weggezogen.
Ja, danach war ich in der komfortablen Situation, dass ich hier ganz in der Nähe einen Job bekam. Also dachte ich: Wenn ich zuhause bei Mami bleibe, kann ich Geld sparen, um danach wieder rumzureisen. Das ging dann so weiter: Ich verbringe eine halbes Jahr hier und gehe dann wieder ins Ausland. Insgesamt bin ich fast so oft weg wie ich in der Schweiz lebe.

Was sind denn die Vorteile?
Momentan gehts mir vor allem um das Finanzielle. Ich bezahle zwar Miete aber ich kann verreisen, wann immer ich möchte und hab während der Zeit praktisch keine Fixkosten. Zudem kauft Mami Zahnpasta und Toilettenpapier – Dinge, mit denen ich wahrscheinlich total überfordert wäre. Mir würde wohl ständig etwas fehlen. Zudem kocht sie gut.

Das weiss ich. Aber es muss auch Nachteile geben?
Klar, die liegen auf der Hand. Ich geniesse weniger Privatsphäre und muss mehr Rücksicht nehmen. Offenbar ist man laut, wenn man betrunken nach Hause kommt.

Ja, meines Wissens machst du gerne mal Party. Ist es ein Problem, wenn du zuhause trinkst oder eins rauchst?
Rauchen im Zimmer war schon immer tabu. Eigentlich möchte Mami, dass ich zuhause gar nicht rauche aber meist mache ich es trotzdem und mittlerweile nimmt sie es stillschweigend hin. Der grosse Balkon mit Aussicht auf die Alpen lädt halt schon sehr zum Chillen ein. Und im Winter, wenn sie eine verstopfte Nase hat, riecht sie den süsslichen Duft zum Glück nicht so gut.

Nochmals zur Privatsphäre: Was passiert, wenn du Frauen nach Hause bringst?
Naja, Sex im Zimmer, wenn Mami unten fern sieht, ist nicht immer witzig. Ausser es trifft gerade deinen Fetisch – tut es bei mir aber nicht.

Wie ist denn dein Verhältnis zu deiner «Mitbewohnerin»?
Echt gut – Mamis forever! Ausserdem bin ich praktisch ausschliesslich zum Schlafen zuhause – sonst hänge ich eh meist draussen rum. So gehen wir uns kaum auf die Nerven. Ich glaube auch, dass es ihr insgeheim ein bisschen fehlen wird, wenn ich mal nicht mehr bei ihr wohne. Aber das würde sie niemals zugeben.

Ich sags dir jetzt einfach: Ich kenne Leute, die dich für einen Loser halten. Gehts dir manchmal auch so?
Du verbringst dafür fast das ganze Jahr in der Schweiz – da könnte ich dich genauso für einen Loser halten. Nein, im Ernst: Mir ist bewusst, dass es langsam Zeit wird, auf eigenen Beinen zu stehen. Aber bisher stimmt das Modell für mich und ich bereue nichts.

Fair enough.
Trotzdem hätte ich jetzt gerne die Namen derer, die mich für einen Loser halten.

Vergiss es. Wann ziehst du denn nun endlich aus?
Ende Jahr – ich schwöre auf Mami.

Was ist deine Meinung? Wohnst du selbst noch bei deinen Eltern? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um auszuziehen? Diskutier in den Kommentaren mit.


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75 Kommentare

vor 9 Tagen
Ich selbst bin erst mit 24 ausgezogen, dies kam mir entgegen, da ich zuerst eine EFZ Lehre gemacht habe und anschliessend noch zwei Jahre höhere Fachschule drangehängt habe. Nur so war dies finanziell möglich, mit eigener Wohnung wäre ich anschliessend hochverschuldet gewesen. Nach der HF waren es noch ganze vier Monate die ich bei meiner Mutter wohnte, dann hatte ich genug Geld zusammen für die Mietkaution sowie etwas Geld für Occasion - Möbel. Wenn man lange studiert und nebenbei nicht arbeiten möchte, verstehe ich es, dass man bei den Eltern bleiben möchte, ansonsten sehe ich kein wirkliches Argument noch länger Zuhause zu bleiben ausser Faulheit.
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Der Besserwisser vor 10 Tagen
Einfach nur grotesk wie manche hier ihre Mütter auch noch mit voller Selbstverständlichkeit gar schon versklaven! Euch egoistischen Nesthocker ist schon bewusst das eine Mutter rein aus mütterlichem Instinkt für euch immer das beste möchte. So werden auch die wenigstens Mütter auch gegen euch motzen da sie zu gut gewillt gegenüber euch sind. All diese Ferien die ihr macht hätten hart arbeitende Eltern viel mehr verdient als scheiss verwöhnte Nesthocker die schon überfordert sind mit Zahnpasta oder WC Papier kaufen!? WTF!? Fakt ist ihr seid Loser und erbarmungslose Schmarotzer ohne eigene Leistung zu erbringen. Nichts gegen solche die wenigstens mithelfen, mitfinanzieren usw... Vor allem Familien die so einen starken Zusammenhalt haben und auch noch zusammen wohnen können (respect aber nicht jede Familie kann das) und jeder jedem unter die Arme greift und hilft wo es geht das sind die wahren Gewinner! Aber wer mir mit Geld sparen oder überfordert mit Kauf von Zahnpsta als Gründe kommt ist ein Loser punkt Ende Aus.
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Lia vor 10 Tagen
und was sagt die Mutter dazu? Die hätte vielleicht gern mal ihre Ruhe..
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Bebebe vor 10 Tagen
Ich bin 22 und wohne auch noch zuhause. Habe mir für dieses Jahr vorgenommen auszuziehen um nicht ebenfalls als Loser abgestempelt zu werden. Aber es ist hart sich zu überwinden, weil man danach ganz alleine sein wird.
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