«Elton John hat Aids aus Amerika eingeschleppt»

Weihnacht ist das Fest der Liebe. Aber auch das Fest der unnötigen Familienstreitigkeiten. Unser Autor findet: Anstatt sich zu beteiligen, das Ganze einfach mal als private Reality-Show betrachten.

Weihnachten. Endlich gibt es mal einen Grund, unnötig Geld zu verprassen und sich dem Kaufrausch bedingungslos hinzugeben. Na gut, vielleicht keinen Grund aber immerhin eine gute Ausrede. Mit meiner Liebe zu Weihnachten stehe ich aber – vor allem in meiner Familie – alleine auf weiter Flur. Das Christfest bringt die schlechtesten Seiten meiner Verwandtschaft zum Vorschein und man kann sich jährlich darauf gefasst machen, dass zumindest eine Person zu weinen beginnt und eine andere tödlich beleidigt frühzeitig dem Heimweg antritt. Und ich liebe es! Besser als jede Folge der Kardashians!

Level halten mit Eierlikör

Viele von euch werden jetzt rufen: «Das ist normal! Passiert in jeder guten Familie.» Doch ich rufe besserwissend zurück: «Ihr kennt meine Sippschaft nicht!» Während ich nämlich voller Enthusiasmus meine (natürlich liebevoll verpackten und mit farblich abgestimmten Schleifchen versehenen) Geschenke elegant unter dem pompösen Weihnachtsbaum drapiere, ist meine Mutter schon fleissig dabei, sich mit Eierlikör selbst abzufüllen:

«Nie wieder! Niemals wieder, ich schwöre es dir! Wie komme ich dazu, jedes Jahr dieses beschissene Fest organisieren zu müssen? Sollen die uns doch mal einladen, diese Parasiten!»
- «Mama, Tante Hannelore macht immer das Sommerfest und ausserd- …»
«Das Sommerfest? Das Sommerfest?! Dass ich nicht lache.»
- «… und ausserdem haben wir das grösste Haus.»

Ihr Hass auf die schmarotzende Familie ist gross. Aber niemals so gross, als dass sie es sich nehmen lassen würde, mit ihrem perfekt geführten Haushalt anzugeben, das auf Hochglanz polierte Haus vorzuführen und sich am neidischen Gesichtsausdruck ihrer Geschwister zu ergötzen, wenn diese den neuesten Flatscreen-TV entdecken, der jedes Jahr ein bisschen grösser und teurer wird und mittlerweile beinahe die gesamte südliche Wohnzimmerwand einnimmt.

Wichtige Erziehungsmassnahmen

Während Mama also schon leicht angesoffen auf das Eintrudeln der ihr ach so verhassten Gäste wartet, die sie mit einem strahlenden Lächeln in Empfang nehmen wird und für deren Verköstigung sie seit vor dem Morgengrauen auf den Beinen steht, sitzt mein Vater im Schlafzimmer und versucht, sich die Krawatte zu binden. Schafft er aber nicht, macht ja sonst immer seine Frau.

Irgendwann wird er kapitulieren und einfach ohne Schlips daherkommen. Bis dahin sind aber natürlich schon Tante Hannelore und Onkel Mario eingetroffen, die nun aufgrund der nachlässigen Garderobe meines Vaters davon überzeugt sein werden, dass er ein Drogenproblem habe. Hat er nicht. Er kann und will einfach keine Krawatte binden.

Noch bevor der Rest der weitläufigen Familie die Einzug hält, hat meine Mutter den Eierlikörzenit erreicht und wirft ihrer frisch geschiedenen Schwester vor, Herbert – den Kavalier King Charles Spaniel, um den bis heute ein gleichermassen erbitterter, sowie schmutziger Sorgerechtsstreit geführt wird  – falsch zu erziehen. Sie solle sich doch ein Beispiel an ihr nehmen, ihre Kinder seien zwar Idioten, aber immerhin nicht so verwöhnt und faul. Und ganz so sehr stinken würden wir auch nicht. Thanks for that, Mom.

Onkel Marios Pflaumenschnaps und Hitler

Je fortgeschrittener die Zeit, umso mehr verliert die passiv-aggressive Stimmung im Raum ihre Passivität und das Drama nähert sich seinem Höhepunkt. Nachdem nämlich durch das Sechs-Gänge-Menü eine Grundlage gelegt wurde, tauscht man nun Eierlikör gegen den harten Stoff. Whiskey, Vodka und Onkel Marios Pflaumenschnaps verwandeln alle Anwesenden (bis auf meinen Vater, meinen Bruder und mich – wir enthalten uns aus taktischen Gründen) in wahre Bestien. Wenn Alkohol wirklich das wahre Gesicht eines Menschen zeigt, dann bin ich wohl mit den heimlichen Nachkommen Hitlers, Mussolinis und Stalins verwandt.

Im Akkord werden jetzt Verleumdungen und Beleidigungen durch das festlich geschmückte und durch leise, weihnachtliche Hintergrundmusik beschallte Wohnzimmer gebellt. «Stille Nacht, heilige Nacht...», trällern die Wiener Sängerknaben inbrünstig, während meine von hysterischen Heulkrämpfen geschüttelte Cousine erfährt, dass sie adoptiert sei und noch dazu «dumm wie Brot», dass sie das bisher nicht gemerkt habe. Das sehe doch ein Blinder, dass sie «einen ganz anderen Teint» habe. Was die Blödheit anginge, käme sie jedoch ganz nach ihrer Mutter. Das liege wohl im Blut. Na also, was jetzt?

Alles in allem ein voller Erfolg

Ausserdem erfahren wir: Tante Hannelore hat sich die Augenfältchen straffen lassen, meine Mutter hat eine lesbische Affäre mit der Nachbarin und Herbert (der schlecht erzogene Hund) sei bipolarer Borderliner und tablettenabhängig. Und endlich werde ich auch mit einbezogen! Ich sei nur darum schwul, weil ich zu fett sei, um eine Frau zu finden. Und es würde natürlich niemanden wundern, wenn ich schon Aids hätte. Das habe schliesslich Elton John aus Amerika eingeschleppt.

Ich entschuldige mich kurz, sage, ich müsse kurz Elton anrufen um ihm zu sagen, dass er entlarvt wurde und gehe auf die Toilette. Der Abend ist ein voller Erfolg! Leider verpasse ich in meiner kurzen Pinkelpause das grosse Finale, in dem meinem Bruder ein Sektglas ins Gesicht geworfen wird. Ohne Sekt, nur das Glas. Narben bleiben zwar keine, das Blut auf der weissen Tischdecke macht sich aber ganz gut. Weihnachtsessen bei uns? Wiedermal ein voller Erfolg.
 


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28 Kommentare

Mike vor 4 Monate
Weltklasse! Was muss ich machen um nächstes Jahr dabei zu sein? Reinheiraten?
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Antwort
Hans vor 4 Monate
Ich hoffe deine Mutter gibt dir für diesen Bericht einen "Chläpper"
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Antwort
Vivi vor 4 Monate
Als ich 8 Jahre alt war feierte die ganze Familie aufm Bauernhof bei meinen Grosseltern. Wie jedes Jahr stritten meine Grosstanten und Grossmutter ums Erbe meines noch lebenden Urgrossvaters bis mein angeheirateter Grossvater die Möbel um die es ging (Grosser Schrank, Tische, Eckbank und Stühle) samt Geschenke auf den Hof schmiss und alles anzündete... "und jetzt feiern wir Weihnachten"
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Klaus vor 4 Monate
Das war ja eine richtig amüsante Geschichte! Vielen Dank. Super geschrieben!
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