«Ich schlafe am Flughafen unter einer Rolltreppe»

Wir haben uns mit jungen Einwanderern unterhalten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Schweiz gekommen sind. Jetzt schlafen sie am Flughafen und klappern Restaurants nach Jobs ab.

Wir besuchen das Café Yukka. Die Sozialeinrichtung der Zürcher Stadtmission bietet eine Anlaufstelle für Sozialfälle und mittellose Menschen, die hier günstige Nahrung, Internetzugang und Informationen zum Leben in der Schweiz erhalten. Hier treffen wir drei junge Männer, die mit Handys und diversem Papierkram an einem Tisch sitzen. Sie überarbeiten gerade ihre Lebensläufe und ackern eine Mail-Liste von potentiellen Arbeitgebern ab. Entgegen unserer Vorstellung von armen, obdachlosen Einwanderern wirken sie aufgestellt, gesund und motiviert.

Als erstes werden wir vom 24-jährigen Marco aus Serbien begrüsst. Der ausgebildete Lebensmitteltechnologe hat sein Heimatland verlassen, da er kaum Arbeit fand. «Bei uns gibts so viele Menschen mit einer guten Ausbildung, dass ich nur wenig Jobchancen habe», sagt er. Er ist gemeinsam mit Mauro und Martin hier, zwei 23-jährigen Italienern, die seit der Mittelschule befreundet sind. Sie sind aus dem gleichen Grund in der Schweiz wie Marco: Sie suchen ein besseres Leben. «In Italien fanden wir nur Jobs, mit denen wir nicht einmal die Miete bezahlen konnten», erklärt Mauro. Jetzt können sie auch noch keine Miete zahlen, aber sie geben sich Mühe, bald ein neues Zuhause zu finden.

Die Drei packten sich Zuhause einen kleinen Rucksack mit ein paar Kleidern und den wichtigsten Papieren und pilgerten damit in die Schweiz. Seit rund zwei Monaten sind sie in der Schweiz, schlagen sich auf der Strasse durch und glauben daran, hier ein besseres Leben zu finden als Zuhause. «Viele Menschen haben uns gesagt, wir müssten Deutsch lernen, damit wir einen Job kriegen», sagt Marco und zeigt uns eine Sprachlern-App auf seinem Handy. «Die deutsche Sprache ist sehr schwierig», sagen sie. Momentan kennen sie nur ein paar deutsche Floskeln. «Aber mit der App und Youtube-Videos werden wir das hinkriegen.»

«Die Schweizer sind sehr freundlich»

Nach der Ankunft in der Schweiz schlugen sie sich anfangs in Parks herum. «Während der ersten Tage habe ich auf der Wiese geschlafen», erzählt Marco. «Mitten in der Nacht weckte mich die Polizei und durchsuchte meinen Rucksack. Nachdem sie mein Diplom als Lebensmitteltechnologe sahen, waren sie gleich etwas freundlicher und haben mich auf Notschlafstellen aufmerksam gemacht.»

Mauro machte eine ähnliche Erfahrung: «Ich war im Park und kochte Pasta», schildert der Italiener und muss dabei schmunzeln. «Dann kamen Sozialarbeiter vorbei und erzählten mir von einer Notschlafstelle in der Stadt. Zuerst traute ich denen nicht und dachte, die wollen mich ausnehmen und in den Fluss werfen. Später habe ich dann im öffentlichen W-LAN nachgeforscht und bemerkt: Die wollten mir tatsächlich nur helfen.»

Mauro, Marco und Martin haben bisher – nach rund zwei Monaten auf der Strasse – gute Erfahrungen mit der Schweiz gemacht. Das erstaunt, gerade wenn man an vergangene Volksentscheide wie die Masseneinwanderungsinitiative denkt. Aber unsere Gesprächspartner sind positiv überrascht von unserem Land: «Die Schweizerinnen und Schweizer sind sehr freundlich zu uns», erfahren wir. «In Italien wäre die Polizei viel härter. Auch wenn wir hier oft kontrolliert werden und mit Dieben oder Bettlern in einen Topf geworfen werden.» Betteln würden sie nie: «Das wäre unter unserem Stolz. Und wir kriegen das auch hin, ohne dass wir andere nach Geld anpumpen müssen.»

Übernachten am Flughafen

Tagsüber suchen sich die Drei einen warmen Platz mit WLAN und durchforsten das Netz nach Jobangeboten und Informationen zur Arbeitswelt. Während zwei die Restaurants der Stadt abklappern und nach Jobs fragen, hütet einer von ihnen das Hab und Gut der anderen. Marco wurde vor kurzem der Rucksack geklaut. «Aber zum Glück habe ich alle meine Papiere abfotografiert», sagt er.

Nahrung und Pflegeprodukte besorgen sie sich bei verschiedenen Sozialinstitutionen. Sie haben zwar etwas Geld von Zuhause mitgenommen und sollen auch von der Familie ab und an etwas zugeschickt bekommen, damit sie ein neues, besseres Leben starten können. Wenn alles funktioniert, wollen sie der Familie später alles zurückzahlen und sie finanziell unterstützen.

Für ein Leben in der Schweiz reichen ihre Finanzen natürlich noch lange nicht. «Wir versuchen, das wenige Geld nicht auszugeben, damit wir uns ein paar Notwendigkeiten besorgen können, sobald wir einen Job finden», erklärt Marco. «Wir haben ja kaum Kleider dabei. Und vor einem Vorstellungsgespräch brauchen wir ein wenig Geld, damit wir irgendwo duschen können. Momentan schaffen wir das vielleicht einmal in der Woche.»

Übernachten unter der Rolltreppe

Da sie in der Notschlafstelle nur zehn Nächte bleiben dürfen, schlafen sie mittlerweile am Zürcher Flughafen. «Ich lege mich unter eine Rolltreppe, da habe ich etwas Ruhe», schildert Mauro. «Das ist ziemlich okay, nur kommen wir nicht zu viel Schlaf, weil ziemlich früh viel los ist.» Auf ein Hotel oder eine Herberge könnten sie nicht zurückgreifen – ihr Budget wäre innert zwei bis drei Tagen aufgebraucht.

Hat es sich gelohnt, das Leben Zuhause zu verlassen, um in Zürich unter einer Rolltreppe zu schlafen? «Wir hatten alle nur wenig Chancen Zuhause. Hätten wir da ein gutes Leben führen können, wären wir auch dageblieben», sagen sie. «Und auch wenn es hier gerade hart ist, sind wir optimistisch. Wir werden Jobs finden!»


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159 Kommentare

Maggico vor 2 Jahre
Rebecca from iglu, i love u !!!
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Antwort
Kiffer vor 2 Jahre
Ich kenne eine 20 jahre sozialamt bezüger die kann sogar drogen leisten kifft wie eine sau
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Antwort
Antwort von Jenny vor 2 Jahre
Lieber Kiffer Jeder Mensch gibt seine finanziellen Mittel für etwas anderes aus. Wenn diese Person sich gerne berauschende Substanzen leistet, wird sie sehr wahrscheinlich an einem anderen Ort sparen, z.Bsp. bei den Lebensmitteln oder bei Freizeitaktivitäten. So geht die Rechnung schlussendlich auf. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
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Antwort von lächerlich vor 2 Jahre
spricht sie auch noch besser Deutsch als du?
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