«Mir egal, ob mein Kostüm rassistisch ist»

Unser Autor ist auf dem Land aufgewachsen. In besonders übler Erinnerung blieb ihm die Fasnacht in seiner Heimat. Wir haben ihn nach zehn Jahren wieder dorthin geschickt.

Wenn du in Altstätten im St. Galler Rheintal aufwächst, werden dir gewisse Dinge mit der Muttermilch eingeflösst: Etwa dass du im nur einen Katzensprung entfernten Vorarlberg einkaufen gehst, weil du dort die Hälfte bezahlst. Oder dass die Ausgangsmeile allgemein als «Rue de Blamage» bekannt ist, weil sich dort allwöchentlich die halbe Stadt lächerlich macht. Und dass die Fasnacht jedes Jahr ein absoluter Pflichttermin ist.

Von der Wiege bis zur Bahre bist du im Rheintal dazu verdammt, dich zwischen Guggenmusik, Hexen und anderen Gemeinheiten zur Besinnungslosigkeit zu trinken. Als besonderes Highlight gilt während dieser Zeit der sogenannte Tschätteri-Umzug. Vor meiner Landflucht schleppte auch ich meinen pubertären Hintern jeden Februar ins «Städtli», obwohl ich schon damals die Augen verdrehte. Dieses Jahr feierte ich eigentlich das zehnjährige Jubiläum meiner Fasnachts-Abstinenz. In einem Anflug von Abenteuerlust und Masochismus beschloss ich, mich trotzdem mal wieder zum Tschätteri zu wagen.

«Ich würd die alle anzeigen»

Glücklicherweise arbeitet in unserem Team jemand, der solch laute, überlaufene Partys noch mehr verachtet als ich. Also überrede ich meinen Kollegen Benny, sich dieses Spektakel ebenfalls anzutun – geteiltes Leid und so. «Drei ist 'ne Party», wussten schon Fettes Brot also schleppen wir auch noch Kamerakind Valentina mit, die wegen ihrer russischen Herkunft so gar nichts mit der Schweizer Fasnacht am Hut hat. Mir war klar, worauf ich mich einlasse, für meine beiden Begleiter beschwor ich einen Kulturschock herauf.

«Ich würd die alle anzeigen», ruft Benny empört, als zum ersten Mal neben uns eine Frau mit Konfetti geduscht wird. Valentina hingegen hat während des Umzugs den Spass ihres Lebens. Ich stehe wenig beeindruckt daneben in einer Art unerfreulichem Flashback und klopfe meinem jugendlichen Selbst verständnisvoll auf die Schulter, weil ich nun wieder weiss, warum ich es hier nie lange ausgehalten habe.

Schon bald werde aber selbst ich als alter Tschätteri-Hase überrascht: Eine Basler Guggenmusik trägt auf ihren Pappnasen tatsächlich kleine Figürchen von Dunkelhäutigen. Dass latenter Rassismus an der Provinz-Fasnacht immer mal wieder aufploppt, ist mir bewusst, aber dermassen daneben waren die Kostüme meines Wissens früher nicht.

«Ich bin ein Neger»

Als die letzte Guggenmusik des Umzugs verstummt, begeben wir uns in die Höhle des Löwen: Eines der Festzelte, wo die Party zu meiner Zeit stets besonders primitiv ausartete. «Ab und zu kotzt einer an den Tresen», bestätigt uns der Typ an der Bar. Auch wir gönnen uns etwas Schnaps für eine möglichst authentische Fasnachtserfahrung – ganz im Sinne des investigativen Journalismus.

Im Anschluss fühlen wir dem Volk auf den Zahn. «Saufen!», ist mit Abstand die häufigste Antwort auf die Frage, was der Tschätteri für die Besucher bedeutet. Fair enough, denken wir, mittlerweile auch leicht angetrunken. Je später die Stunde, desto niveauloser werden die Weisheiten, die uns die Fasnächtler ins Mikrofon lallen. Unter anderem treffen wir einen Jugendlichen, der sich sein Gesicht schwarz angemalt hat. Klassisches Blackfacing – nicht in Ordnung. «Ich bin ein Neger», sagt er. Auf meinen Vorwurf, sein Verhalten sei nun wirklich rassistisch, findet er gleichgültig: «Mir doch egal.»

Sollen sie halt...

Am Ende bin ich ähnlich abgefüllt wie damals, als ich noch aus freien Stücken hier her kam. Zwar haben wir uns damals weder schwarz angemalt, noch gehörte das N-Wort zu unserem alltäglichen Vokabular. Insgesamt entwickelte ich während des kurzen Besuchs meiner Wurzeln aber ein pragmatisches Verständnis für die zuvor verhasste Provinz-Fasnacht. Auch Benny, bei dem ich gewettet hätte, dass er im Laufe des Abends den Glauben an die Menschheit endgültig verliert und Tränen vergiesst, urteilt emotionslos: «War okay.»

Das Bedürfnis, erneut zurückzukehren verspüre ich keine Sekunde lang. Und trotzdem mag ich meinen Altstätter Kollegen den Spass gönnen. Sollen sie halt überzuckerten Likör und Wodka-Red-Bull trinken, bis sie ihre Namen nicht mehr buchstabieren können. Sollen sie halt rumgrölen und zu Ballermann-Songs auf den Tischen tanzen. Sollen sie halt so tun, als hätte Guggenmusik mindestens die kulturelle Relevanz eines Radiohead-Albums. Wer ohne Sünde ist, der werfe das erste Konfetti.

Video von Valentina Sproge.


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172 Kommentare

Supermario vor 7 Monate
Wird am Knabenschiessen, am Caliente-Fest, Streetparade etc. nur Rivella, Milch oder Bio -Tee getrunken? Beibt doch in „Super- Züri“ ihr zwei Trantüten und lasst den Rheintalern ihre Fasnacht!!
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dolores64 vor 7 Monate
mein gott..... was soll der ganze scheiss? solch kleine repörterli aus eichberg sollen doch bleiben wo sie hingehören nämlich nicht an die fasnacht ins rheintal! glaub mir wir brauchen deine reportagen nicht wirklich....! natürlich wird gebechert, wir haben ja auch das beste bier hier!!!!! in der provinz 🍺 also kleines repörterli bleib doch nächstes jahr einfach zu hause!!
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Marc vor 7 Monate
Schlechteste Reportage ever! Der junge Journalist glänzte neben den offensichtlich betrunkenen nicht gerade mit Allgemeinwissen und Fachkompetenz. Einen Bektrah zu machen in dem man über betrunkene Fasnächtler her zieht ist extrem nachhaltig und erüllt nicht einmal den Unterhaltungsteil geschweige den Bildungsauftrag der Medien. Nun qualifiziert sich die 20-Minuten mit solchen beiträgen selbst. Gut gemacht!
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Russo vor 7 Monate
Von all den wirtschaftlichen und politischen Schweinereien wird nicht berichtet, aber wenn eine Einzelmaske scharz angemalt an die Fasnacht geht. ...... In den digitalen Medien trampelt alles auf dem kleinen Wutbürger rum. Wie hat das Establishment das bloss hingekriegt?
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