Jeder kann übers Feuer laufen

Unser Redaktor besuchte einen Kurs für Feuerläufer. Als er über 560 Grad heisse Glut schreitet, stellt er fest, dass dahinter kein Hokuspokus steckt.

Es lässt sich wissenschaftlich erklären, warum Menschen fähig sind, übers Feuer zu gehen, ohne sich die Füsse zu verbrennen. Dabei geht es um die geringe Wärmeleitfähigkeit von Kohle und die kurze Kontaktzeit. Sprich: Solange du das Feuer richtig präparierst und relativ schnellen Schrittes gehst, kann jeder feuerlaufen. (Einfach zur Sicherheit: Mach es trotzdem nicht ohne professionelle Hilfe...)

Weil in mir ein eiskalter Rationalist steckt (und ich leicht pyromanisch veranlagt bin), besuche ich einen Kurs bei Feuerlauf Ostschweiz, um zu beweisen, dass man ohne jeglichen Eso-Quatsch über glühend heisse Kohle spazieren kann.

Mentales Training statt Beschwörungen

Mit einer 15-köpfigen Gruppe versammeln wir uns in einem alten Hotel im Appenzell. Gregory Custodia leitet das Seminar und schreibt bereits auf seiner Website, das Feuerlaufen habe nix mit Beschwörungen zu tun. Er werde uns nur dabei helfen, uns in einen «mental, emotional und körperlichen Spitzenzustand» zu versetzen.

Streng genommen stimmt das: Im Laufe der Vorbereitung umschifft Custodia jegliche spirituelle Platittüde. Trotzdem fühle ich mich im Laufe des Nachmittags ab und zu fast, als wäre ich in einer Sekte gelandet. Das ist nicht unbedingt der Fehler unseres Lehrers, sondern vielleicht eher den teilweise etwas wunderlichen Teilnehmern zu verdanken. Trotzdem weicht Custodia stets aus, als ich ihn mehrfach mit der Idee konfrontiere, dass diese Vorbereitung für einen Feuerlauf nicht nötig wäre.

«Disco Pogo» statt «Hare Krishna»

Schon nur indem wir den Beschluss fassen, über heisse Kohle gehen zu wollen, werden wir zu Feuerläufern, findet Custodia. Deshalb sollen wir uns bereits jetzt zu unserem Erfolg gratulieren. Mit einer Art Ritual pushen wir uns im Laufe des Tages drei Mal hoch: Alle Teilnehmer tanzen zu Dorffest-Musik (unter anderem Die Atzen) durch den Raum – «Disco Pogo» statt «Hare Krishna».

Klar, die Übungen dienen dazu, unsere Angst zu überwinden und nicht, unsere Füsse auf magische Art und Weise feuerfest zu machen. Trotzdem: Am Abend entscheidet Custodia, wer nun bereit ist, über die Kohle zu gehen. Ich befürchte, dass diese Entscheidung vom gezeigten Engagement abhängt, also packe ich meine lächerlichsten Dancemoves aus und tu so, als hätte ich den Spass meines Lebens.

«Ihr habt den Feuerläufer-Blick»

Nachdem wir uns alle hochgeschunkelt haben, führt Custodia durch eine Meditation. Vor unserem geistigen Auge sollen wir den Gang über die Glut visualisieren. «Du hast es geschafft, du bist jetzt Feuerläufer», ruft er beschwörend, während er die dramatische Musik («Conquest of Paradise»...) aufdreht, bis die Anlage zerrt. Zum Höhepunkt sollen wir alle ein Kraftwort hinausbrüllen. «Anker setzen» nennen das Spitzensportler offenbar.

Nach anfänglichem Misstrauen hält Custodia nun auch mich für würdig: Wir alle hätten «den sogenannten Feuerläufer-Blick». Unser Kamerakind Valentina und ich spekulieren, ob dieses «Glitzern in den Augen» nicht eher durch die LED-Spots an der Decke ausgelöst wird. Aber geschenkt. Nun ziehen wir die Schuhe aus – die Glut wartet.

Als hätten sie gerade den Mount Everest bestiegen

Um meine Skepsis zu untermauern, ignoriere ich vor dem ersten Schritt auf die 560 Grad heisse Kohle jeden einzelnen Tipp, der uns während der sechsstündigen Vorbereitung gegeben wurde. Ich schaue nicht «in die Ferne zu meinem Ziel», verzichte auf mein Kraftwort und bin gedanklich kaum fokussiert, sondern längst beim Gin-Tonic danach.

Und dann: nichts. Das Feuer ist angenehm warm und wegen der Asche sogar fast schon flauschig. Es funktioniert also tatsächlich. Im Gegensatz zu meinen Gspänli, die jauchzen und seelig strahlen, als hätten sie gerade den Mount Everest bestiegen, bin ich leicht unterwältigt und gleichzeitig noch mehr überzeugt von der rationalen Erklärung für das Feuerlaufen.

Mental-Training in Ehren aber...

Hier liegt wohl mein grösstes Problem: Den Teilnehmern wird einen ganzen Nachmittag lang suggeriert, der Gang übers Feuer sei eine der grössten Leistungen ihres Lebens, obwohl es sich um reine Physik handelt. Als würde man jedem applaudieren, der gerade gezeigt hat, dass es möglich ist, freihändig Velo zu fahren. Dabei könnte man Menschen auch in zwei Sätzen zu Feuerläufern machen: Wenn du schnell genug gehst, spürst du nix. Reiss dich zusammen und tu es einfach.

Es geht mir nicht darum, Techniken des Mental-Trainings grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Übungen mögen gewissen Leuten helfen, Ängste vor neuen Herausforderungen zu überwinden, mit dem Feuerlaufen an sich haben sie aber wenig zu tun. Vielleicht bin ich einfach zu zynisch – aber wer solche Dinge keine Sekunde lang kritisch hinterfragt, ist in meinen Augen auch für weniger harmlose Ideen empfänglich.

(Disclaimer: Auch wenn unser Autor dem Kurs skeptisch gegenübersteht, solltest du nicht einfach beim nächsten Grillfest über heisse Kohle spazieren. Du brauchst einen erfahrenen Profi, wie Custodia, der den Glutteppich richtig präpariert, sonst holst du dir tatsächlich üble Verbrennungen.)

Video von Valentina Sproge.


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22 Kommentare

Feuerläufer vor 11 Tagen
Zynismus ist der bucklige Verwante der Agression. He, mach doch einfach noch ein paar weitere Feuerläufe oder andere Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Eventuell merkst du dann, um was es geht. Und spätestens wenn du es geschafft hast, auf dem Glutteppich stehen zu bleiben, kannst du dir auch die pysikalische Erklährung knicken.
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Gérard vor 18 Tagen
Ein deutschschweizer Partner und ich sind vermutlich weltweit die "dienstältesten" Feuerlaufleiter auf der Welt und ich habe im 2003 im Tessin einen Guiness Rekord aufgestellt. Es sind tausende von Personen in hunderten von Kursen bei uns gewesen. Nun, was im Artikel steht ist zu 95 Prozent auch OK und stimmt. Was nicht gesagt wird, ist, dass sich immer wieder viele Teilnehmer verbrennen. Feuerlaufen ist zu 95% Physik und 5 % noch nicht erklärbar, allenfalls mit Parapsychologie. Die 5% werden immer unterschätzt. Es ist zu einfach eine Aussage vom Sofa aus zu machen oder nur weil es einmal gutgegangen ist. Wenn man 23 Sekunden wie ich bei 667 Grad Durchschnittstemperatur gelaufen ist, kann keine nur physikalische Erklärung dies abhandeln und da sind wir genau beim heiklen Punkt. Feuerlaufen kann technisch jeder und eine angemessene Vorbereitung was dies auch heissen möge ist unumgänglich für diejenigen, die die Materie nicht inundauswendig kennen.
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Gerry vor 18 Tagen
Nachdem es etwa 25'000 mal im TV und in jeder Zeitschrift genau erläutert wurde und längst jeder weiss, dass die Asche einfach so stark isoliert, dass die Hitze nicht ausreichend in der kurzen Zeit vollständig durchdringen kann, musste ein Redaktor das noch ausprobieren? Hat er gedacht nach 30 Jahren hätte sich die Physik verändert?
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Johnny vor 18 Tagen
Eine zu empfehlende Erfahrung. Aber keine grossen Pläne für den nächsten Tag machen. Die Fusssohlen werden schmerzen beim gehen.
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