Albtraumhafter als jede Dschungelprüfung

Um unseren Redaktor von seiner «Dschungelcamp»-Sucht zu befreien, haben wir ihm die Fernbedienung weggenommen und ihn eine Woche lang zum internationalen Bühnenkunst-Festival «Keine Disziplin» geschickt.

Ja, was soll ich sagen – mein Herz schlägt für RTL und billigstes Trash-TV. Ich plane meinen gesamten sozialen Kalender im Januar um «Ich bin ein Star – holt mich hier raus!» herum. Das Dschungelcamp ist  für mich das schönste Fernsehereignis des Jahres und ich feiere es hart. Und das meine ich nicht mal ironisch.

Jetzt bin ich aber vor kurzem dreissig Jahre alt geworden und meine Kollegen haben unisono beschlossen, bezüglich meiner (ihrer Meinung nach) unpassenden oder gar peinlichen Obsession mit gemeinhin als «schlecht» geltender Unterhaltung zu intervenieren. Soll heissen: Der Dschungel fällt dieses Jahr für mich aus.

Stattdessen arbeite ich mich durchs Programm des internationalen Festivals für Bühnenkunst «Keine Disziplin», veranstaltet von der Gessnerallee in Zürich.

Totale Erniedrigung im Nagelstudio

Den unglücklichen Auftakt und dabei eines der schlimmsten Erlebnisse, die ich je durchmachen musste, macht die Performance «Nagelneu» des Duos «Quast und Knoblich» in den Räumen des altehrwürdigen Cabaret Voltaire. Natürlich hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich vorab ein bisschen darüber zu informieren, was mich hier erwarten wird. Habe ich aber nicht.

Und plötzlich bin ich der Mittelpunkt eines irren Albraumes, in dem ich in Plastik gewickelt neben einer Holländerin auf einem Sofa sitze, während eine arrogante Frau wirres Zeug ins Mikro spricht, ein Typ mir durch einen Plastikstrohhalm Nagellack auf die Finger spuckt und eine als «Hello Kitty» verkleidete Person sich zu klassischer Musik an mir reibt.

Kunst hin oder her. Diese Erfahrung ist so demütigend und gleichzeitig auf eine abstruse Weise ekelhaft, ich kann es kaum in Worte fassen. Und das kommt von jemandem, der es liebt, D-Promis beim Känguruhoden-Essen zuzusehen! Ich will einfach nur nachhause.

Ein Schlag in den Nacken vom Orakel

Bevor ich endgültig das Handtuch schmeisse und mich wieder vor den Fernseher hocke, gebe ich dem nächsten Programmpunkt auf meiner Liste eine Chance: «Ask the Oracle». Noch immer traumatisiert betrete ich ziemlich nervös und angespannt das kleine Holzhäuschen, in dem mich «die Seherinnen» schon erwarten.

Ich bin zu dick und schlecht gelaunt für enge, heisse Räume und menschliche Nähe. Und trotzdem stört es mich irgendwie nicht, dass ich in diesem winzigen Platz von einer Fremden angeschrien, mit rotem Glitter beworfen und (überraschend hart) in den Hals geboxt werde.

Im Gegensatz zu dem grauenvollen Nageldesign-Ding fühle ich mich hier auf eine mir selbst schleierhafte Art fast sogar wohl. Irgendwie befreit und voller Tatendrang, will ich wagen zu sagen. Für einen kurzen Augenblick denke ich tatsächlich darüber nach, meine Therapeutin zu verlassen und von jetzt an regelmässig diese Orakel-Damen zu besuchen.

Hallo, Bedeutungslosigkeit!

Derart aufgeputscht bin ich mehr als bereit für die Solo-Show «Hello useless – for W. and friends» des Schauspielers Benny Claessens. Was als eine Art Stand-up-Routine beginnt, entwickelt sich im Laufe des Abends zu einem bizarren Mix aus Bedeutungslosigkeiten, die trotz ihrer Banalität mein Herz gleichzeitig brechen, wie auch aufblühen lassen.

Wer hätte gedacht, dass ein dicker Belgier, der in einem blauen Kleid mit seinen Eiern klatscht, zu unerträglich lauten Durchfallgeräuschen tanzt, Björk-Songs zum Besten gibt und dann einfach mal fünf Minuten lang vollkommen nackt im Schneckentempo über die Bühne kriecht, mich emotional so zerstören kann?

Und – nachdem ich vor lauter Lachen und Rührung tränenüberströmt das Theater verlasse – muss ich mir jetzt schon eingestehen: Für genau solche Momente verzichte ich gerne auf jede noch so aufregende Trash-TV-Sendung.

Bis Sonntag, 4. Februar 2018 läuft das Programm von «Keine Disziplin» in der Zürcher Gessnerallee noch weiter. Ich werde wohl auch wieder hingehen und mir das eine oder andere Stück ansehen. Wer kommt mit?

[Video von Witek Stankiewicz]


Kommentar schreiben

16 Kommentare

Alber vor 7 Monate
Wie g... ist das denn? Gut und humorvoll geschrieben. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob ich mitkommen soll; Ich wollte heute mit meiner Frau zu Abend essen.
2
0
Antwort
vor 7 Monate
Früher wurde so jemand in die Psychiatrie eingeliefert, heute nennt man es Kunst und die Leute zahlen noch Eintritt
19
3
Antwort
Ekeltoni vor 7 Monate
Dieses festval zeigt wozu kunst heute imstande sein kann! Echt postmodern-expermentiell! Die geschlechterrollen werden kontrovers und provokativ gelockert, sodass sich ein neues verständnis der existenz aufdrängt! Vor allem der mann im blauen nachthemd bringt die überforderung des westens eine neue kunstform zu kreieren künstlerisch und gesellschaftskritisch auf hohem niveau zum ausdruck! Er ist auf jeder ebene ein künstler der neue horizonte eröffnet und traditionelle denkstrukturen umstösst!!!
8
44
Antwort
Antwort von paul schriber vor 7 Monate
ah ja....
11
2
Antwort
In Afrika stehen zwei Ping-Pong-Tische

In Afrika stehen zwei Ping-Pong-Tische

«Warum hat mich niemand geweckt?»

«Warum hat mich niemand geweckt?»

Japaner lassen sich von Manga-Girls massieren

Japaner lassen sich von Manga-Girls massieren

video
Wir stellen uns unseren kulinarischen Albträumen

Wir stellen uns unseren kulinarischen Albträumen