Ist Instagram das neue Tinder?

Tinder ist tot. Potenzielle Dates findest du heutzutage eher via Instagram – wir wagten einen Test und schrieben aus heiterem Himmel unsere Insta-Crushes an.

Gibs doch zu: Ein Teil von dir freut sich jedes Mal insgeheim, wenn mal wieder eine deiner Beziehungen in die Brüche geht. Endlich kannst du dein verstaubtes Tinder-Profil reaktivieren und die frohe Kunde verbreiten, dass du wieder auf dem Markt bist. Auf der Suche nach zwanglosem Sex und dem willkommenen Egoboost holst du dir beim Masturbieren Swipen dann eine Sehnenscheidenentzündung.

Auch mir ging es so, als mich meine Liebste vor ein paar Monaten sitzen liess. Relativ schnell stellte ich jedoch fest: Tinder ist nutzlos geworden. Der ehemalige Marktplatz für erfolgsorientierte Liebesuchende ist zu einem Friedhof der verlorenen Hoffnungen geworden. Die unerwartete Alternative? Instagram.

Warum wir Tinder nicht mehr trauen

Zuerst lohnt es sich aber, Ursachenforschung für den Niedergang unserer ehemaligen Lieblings-App zu betreiben: Romantiker würden argumentieren, dass die Liebe wegen all der Optionen, die uns Tinder anbietet, zu einem Wegwerfprodukt geworden ist und viele ehemalige Nutzer nun auf Dating-Portale, die langfristige Bekanntschaften versprechen, setzen. Pragmatischer betrachtet liegt der User-Schwund wahrscheinlich aber auch daran, dass sich zwischen den potenziellen Sexualpartner mittlerweile haufenweise Trolls und Spam-Accounts tummeln.

Vielleicht wurde die App auch Opfer des eigenen Erfolgs: Mittlerweile haben sogar die Redaktionen von Heftchen, die beim Coiffeur rumliegen, die digitale Partnersuche entdeckt. Deshalb fingen selbst deine Eltern nach ihrer gescheiterten Ehe mit dem Swipen an. Auf Tinder der Fratze des eigenen Erzeugers zu begegnen, legt aber sogar Frauen mit den hartnäckigsten Daddy-Issues trocken. Und letzten Endes führte wohl auch der Skandal um die von Tinder gesammelten Daten dazu, dass wir der App nicht mehr wirklich trauen.

Die Partnersuche steht nicht im Zentrum

Im Grunde sind Instagram und Tinder gar nicht so verschieden. Wir betrachten Fotos von teils wildfremden Menschen und signalisieren ihnen mit einem Herzchen, dass wir an ihrem Leben / ihrem Charakter / ihren Abenteuern / ihren Brüsten / ihrem Waschbrettbauch interessiert sind.

Der subtile Unterschied liegt in den Erwartungen, die in der Interaktion stecken: Ich like deine Posts – so what? Das bedeutet noch lange nicht, dass ich deshalb mit dir schlafen möchte. Genauso wie wir einen Abend in der Bar lockerer angehen als ein Blind-Date, fühlt sich ein Flirt via Instagram weniger verkrampft an, als wenn wir auf Tinder chatten. Ironischerweise findest du in einem klassischen sozialen Netzwerk viel einfacher Liebe, weil es eben genau nicht in erster Linie darum geht.

«Ein Date? Warum eigentlich nicht.»

Also überprüfen wir die These in der Praxis. Ich überrede meine Redaktionskollegen – oder immerhin diejenigen, die momentan alleine durchs Leben gehen ... also so ziemlich alle – via Instagram eine Person anzuschreiben, deren digitalen Auftritt sie attraktiv finden, die sie allerdings noch nie von Angesicht zu Angesicht getroffen haben. Auch ich nehme all meinen Mut zusammen, atme tief durch und frage diese eine Schönheit, von der ich seit Monaten jedes einzelne Foto like, nach einem Date: «Ich weiss, wir kennen uns nicht wirklich aber hättest du Lust, mit mir auszugehen?» Peng – keine zwei Minuten später sagt sie zu. Wir machen aus, uns in der kommenden Woche zu treffen. Mit völlig offener Erwartungshaltung.

Eine Absage erhält niemand von uns. Zwar sind einige unserer Insta-Crushes leicht irritiert. «Meinst du das ernst?», schreiben manche. Andere klären im Vorfeld die Bedingungen: «Was genau meinst du mit Date?». Am Ende landen wir aber mindestens bei einem unverbindlichen «Warum eigentlich nicht...».

Wie sich zeigte, fühlten wir uns alle weniger gehemmt, auf Instagram unsere Objekte der Begierde anzuflirten, während wir uns auf Tinder eher wie schmierige Schwerenöter oder potenzielle Triebtäter fühlen. Der Unterschied lässt sich vergleichen mit demjenigen zwischen einem Besuch im Puff und einem Cocktail in der gemütlichen Lounge. Falls du also tatsächlich online dein Glück suchst, schau doch mal über den Tinderrand hinaus.

Einige unserer – zugegeben: teilweise leicht ungelenken – Versuche, Dates via Instagram aufzureissen, siehst du in der Bildstrecke. Probier es auch, bedank dich später.


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21 Kommentare

Ein Samkeit vor 8 Monate
Ich habe weder Facebook, noch Tinder, Instagram, Twitter, oder sonst irgendeine dieser Plattformen. Ich bekomme langsam aber sicher das Gefühl, dass ich trotz meiner erst 27 Jahre und meinem Job als IT-ler, den Anschluss verliere. Ich möchte diese Apps nicht schlechtreden, ich kann damit einfach nichts anfangen. Wenn ich im Ausgang oder bei der Kaffeepause auf der Arbeit der Einzige bin, der nicht dauernd auf sein Handy starrt und snapt, tindert, facebookt oder was auch immer, komme ich mir manchmal vor, als wäre ich der einzige Mensch auf diesem Planeten.
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Marc vor 8 Monate
Schaut für mich eher danach aus, als hätte der Neil Werndli kein Erfolg auf Tinder gehabt und macht es nun mies......Innert der letzten 10 Tage hatte ich allein in meiner Region über 20 Matches im Alter von 22 - 35, von wegen tot, man muss einfach das Aussehen für solch eine oberflächliche Plattform mitbringen!
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Antwort von fckthbrd vor 8 Monate
Neil ist voll schön!
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Antwort von neil.werndli vor 8 Monate
Danke Mami.
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