«Ich halte es keine 24 Stunden im Wald aus»

Unsere Redaktorin besuchte ein Survival-Camp. Sie ass Brennnesseln, Baumrinde und hat gelernt, wie man alternative Werkzeuge bastelt.

Ich mag die Natur. Ich mag aber weder gemeine, achtbeinige Viecher, die mein Blut aussaugen und mir potenziell eine Hirnhautentzündung verschaffen, noch auf irgendeiner verlassenen Landschaft zu zelten – aus eben genannten tierischen Gründen und aus Angst. Aber ich suche das Abenteuer – und ausnahmsweise hat es dieses Mal nichts mit dem anderen Geschlecht zu tun (nur Spass, Mama!).

Also nehme ich einen Tag – ich will mein Naturabenteuer langsam angehen – am Überlebenscoaching von «Swiss Survival Training»-Gründer Gion Saluz teil. Man lernt je nach Kurs in drei bis sieben Tagen, wie man in der Wildnis mit den kleinsten Hilfsmitteln überlebt. Gion bereitet seine Teilnehmer auf realistische Notsituationen vor – also Zombie-Apokalypsen-Fans sind da fehl am Platz. 

Stadtkind im Wald

Um ehrlich zu sein, bin ich nicht besonders begeistert. Hauptsächlich weil ich davor Angst habe Insekten essen zu müssen. Und natürlich wegen der Zecken – oh Gott, ich hasse Zecken. Ich steh um sechs Uhr in der Früh auf, um in Jeansjacke und Reebok-Schuhen – ich besitze keine Outdoorbekleidung – nach Feldbach, Hombrechtikon, in den Wald zu gehen. Dort warten sechs wissbegierige Schüler auf uns, die schon die Nacht dort verbracht haben. Ich komme mir sehr deplatziert vor und schäme mich ein bisschen zu sehr, «Stadtkind» zu sein. 

Nach einer kleinen Programmerläuterung stürzen wir uns auf die Challenges: Wie benutzt man ein Messer richtig? Welche Tiere, die im Wald anzutreffen sind, sind essbar? Wie entfacht man ein Feuer und kontrolliert es? Welche Wildpflanzen können wir essen, ohne uns selbst zu vergiften? Unser Lehrer zeigt uns alles vor, wir machen es ihm nach. Ich entnehme nichts aus dem Programm, das mit Insektenessen oder dem Trinken der eigenen Pisse zu tun hat. Also nichts à la Bear Grylls. Langsam entspanne ich mich.

Kräuter- und Pflanzensuppe statt Mistkäfer

«Ich muss diejenigen, die sich schon gefreut haben Insekten zu essen, enttäuschen. Das machen wir hier nicht», erklärt uns der Survival-Coach vor dem Mittag. Halleluja! «Die meisten denken sich das, weil sie irgendwelche ‹Überlebenskünstler› im Fernsehen mitverfolgen. Die sind aber mehr Entertainer als richtige Survival-Pros», erzählt er uns. 

Dafür gibts heute eine Wildpflanzen-Suppe für uns. In der Schweiz wachsen über 1'500 Arten von essbaren Pflanzen und ich bekomme das Gefühl, dass Gion jede einzelne kennt. Woher das ganze Wissen? «Bücher und Erfahrung», sagt er mir. Wir finden unter anderem Brennnesseln, Bärlauch – mein Favorit – und eine spinatartige Pflanze namens Giersch. Die geben unserer Suppe für den Z'Mittag den nötigen Geschmack. Ich hätte gern noch mehr Salz in der Suppe, aber in einer Notsituation würde ich mich nicht beschweren. Also halte ich einfach die Klappe. 

Vorbereitung im Fall eines Super-GAUs

Am Lagerfeuer erklärt uns Gion, dass die Beliebtheit dieser Kurse stetig steigt. Den Grund sieht er in der immer instabiler werdenden Situation in Europa – wirtschaftlich und politisch gesehen. Menschen wollen mehr Sicherheit, sie wollen die Dinge erlernen, die früher selbstverständlich waren, die die Menschen aber nach und nach verlernen. Feuer machen oder sich orientieren zum Beispiel. Früher verstanden die Leute in seinem Umfeld sein Interesse an Survival-Techniken nicht. Heute wird er mit Fragen durchlöchert. 

Am Ende vom Tag fühle ich mich sicherer. Ich weiss jetzt wie ich mit Feuerzeug, einem Feuerstarter aus Magnesium oder nur durch Holzbohren ein Feuer entfache – vorher habe ich diese Aufgabe nie übernommen. Ausserdem wüsste ich in der Notsituation, welche Pflanzen ich sammeln und verarbeiten könnte. 

Ich bleibe nicht über Nacht, weil – ich schäme mich wirklich bisschen dafür – ich einfach noch nicht so weit bin, die Nacht auf dem Waldboden zu verbringen, auf dem irgendwelche Tierchen rumkrabbeln. Die anderen Teilnehmer werden das tun – und ich bewundere sie dafür. Darum verpasse ich die Challenges, die auf den nächsten Tag geplant sind. Unter anderem wie man Trinkwasser aufbereitet und wie man sich orientiert. Das hole ich irgendwann eventuell nach. Ich sagte ja schon: Ich will mein Naturabenteuer langsam angehen. 

Video von Valentina Sproge. 


Kommentar schreiben

24 Kommentare

Zigi52 vor 4 Monate
Super dieser Outdoorinstruktor, dass er weiss, dass es in der Nacht dunkel wird !!!
0
2
Antwort
Regula vor 4 Monate
Ich schlafe gerne draussen in der freien Natur. Was gibt es Schöneres als am Morgen vom Singen der Vögel aufgeweckt zu werden? Die Angst vor krabbelnden Tieren kann ich nicht nachvollziehen. Was ist schon schlimm daran, wenn mir eine Ameise oder Spinne über den Arm krabbelt? Das sind doch eigentlich schöne Tiere und waren vermutlich auch schon vor mir im Wald. Eigentlich besitzen die Krabbeltiere sogar das "Hausrecht" im Wald und ich bin blos ihr Gast. Gestochen werde ich eigentlich nie, auch nicht von Zecken, obwohl ich fast immer barfuss gehe. Vermutlich liegt das daran, dass jedes Insekt, das von meinem Blut trinken würde danach wochenlang berauscht im Koma läge... Die Natur ist das Wunder unter meinen Füssen. Zurück zur Natur!
5
0
Antwort
Chris vor 4 Monate
www.hasta-luego-outdoor.com/ Auch sehr empfehlenswert 😃
0
1
Antwort
Landei vor 4 Monate
Irgendwie befremdlich. All diese Dinge habe ich bereits als Kind gelernt. Ein Feuer auch ohne Zuhilfenahme von Tampons und Magnesium Brandbeschleuniger zu entfachen ist absolut simpel.
19
1
Antwort
«Ich verurteile keine Eltern, die Ohrfeigen verteilen»

«Ich verurteile keine Eltern, die Ohrfeigen verteilen»

video
Youtube muss Horrorfilm-Werbung entfernen

Youtube muss Horrorfilm-Werbung entfernen

Typ isst Kalbsherz, um Veganer zu ärgern

Typ isst Kalbsherz, um Veganer zu ärgern

video
So läuft das grosse Aufräumen ab

So läuft das grosse Aufräumen ab