Warum wir am Telefon unsere Stimme verstellen

Je nachdem mit wem wir telefonieren, klingen wir plötzlich wie ein anderer Mensch. Diese gekünstelte Stimme kann Ausdruck eines tieferliegenden Problems sein.

Dein Kumpel ist eigentlich ein harter Kerl: Tanktop, Totenkopf-Tattoos, Testosteron pur – ein richtiges Alphamännchen. Sobald seine Liebste anruft, wird er aber plötzlich ganz klein. Dann setzt er seine Babystimme auf, sagt Dinge wie «jo, Schatzi, morn kuschlemr üs de ganz Tag im Bett ii, ischguet?» und du verstehst die Welt nicht mehr.

Doch woher kommt diese Telefonstimme? Warum klingen wir am Handy mit gewissen Menschen – sei es der Partner, Mama, Oma oder der Vorgesetzte – wie andere Menschen?

«Wir wollen beim Gegenüber etwas auslösen»

«Wir können gar nicht anders, als uns selbst darzustellen», sagt Daniel Perrin, Sprachwissenschaftler und Direktor des Departements Angewandte Linguistik an der ZHAW. «Mit den Kleidern, die wir wählen, setzen wir ein Zeichen und so ist es eben auch mit der Stimme.» Beim Sprechen ginge es nicht einfach nur darum, sein Gegenüber zu informieren – mit der Art, wie wir reden, sagen wir gleichzeitig etwas über uns selbst und die Beziehung zum Menschen am anderen Ende der Leitung aus. «Wir wollen unsere Gefühle ausdrücken und beim Gegenüber etwas auslösen», erklärt Perrin.

Dieses Phänomen lässt sich nicht nur im Gespräch mit nahestehenden Menschen beobachten. Perrin nennt etwa Mitarbeitende des Kundendienstes als Beispiel: «Call-Center-Agenten werden darauf trainiert, mit einem Lächeln zu sprechen, wenn der Anrufer sauer ist. Das soll bewirken, dass der wütende Kunde auch wieder fröhlicher wird.»

«Solche Beziehungen halten meist nicht lange»

Dass wir eine andere Tonlage aufsetzen, wenn zum Beispiel unser Gspusi am anderen Ende der Leitung ist, sei vergleichbar mit der Kleidung, die wir einer bestimmten Situation anpassen. Eine veränderte Telefonstimme bedeutet also nicht zwangsläufig, dass wir etwas vorspielen: «Man muss unterscheiden zwischen dem Darstellen und dem Verstellen», sagt Perrin.

Heikel wird eine aufgesetzte Telefonstimme erst, wenn sie nicht mehr authentisch ist: «Sobald man das Gefühl hat, im Telefongespräch mit einer bestimmten Person ein anderer Mensch zu sein, ist das wohl Ausdruck eines tieferliegenden Problems. Es kann zum Beispiel passieren, dass man sich in einer Beziehung derart verbiegt, dass man seine gesamte Persönlichkeit nur noch vorspielt – auch sich selbst. Und meist vollkommen unbewusst», so Perrin. «Das sind dann auch häufig die Beziehungen, die nicht besonders lange halten.»

Wie sanft wir am Handy mit unseren Liebsten sprechen, hängt allerdings mit vom Thema ab: «Wenn du mit deiner Freundin über die Steuererklärung diskutierst, klingst du auch anders als beim romantischen Essen», sagt der Sprachwissenschaftler.

Die Stimme kompensiert fehlende Emotionen

Der eigentliche Grund für die veränderte Stimme findet sich im Medium: Ein Telefonat ist eine stark beschnittene Form der Konversation. Mimik und Gestik fehlen und das Gespräch wird auf das Hörbare beschränkt: «Genau deswegen legt man seinen gesamten Ausdruck in die Stimme», sagt der Experte. «Man kompensiert die fehlenden Kanäle – das Sichtbare, Berührungen, Gerüche – und deshalb wird die Stimmung in der Stimme so stark hörbar.»

Grundsätzlich ist es also völlig normal, dass auch abgebrühte Machos am Handy manchmal wie Welpen klingen. Falls es dir selbst so ergeht und du dich für deine Telefonstimme schämst, ist es auch völlig in Ordnung, dich für das Gespräch mit deinem Baby zurückzuziehen: «Sehr persönliches, intimes Sprechen ist nur für das Gegenüber gedacht, nicht für Mithörende», sagt Perrin. «Weder optisch noch akustisch wollen wir uns allen öffnen.»


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7 Kommentare

Lean vor 7 Monate
Хлопаю стоя.
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Martin vor 7 Monate
Wer telefoniert noch in dieser "WhatsApp" Zeit ? ^^
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Albert Selbstmann vor 7 Monate
Ja genau ist so, wie soll ich denn sonst meine ganze Einmann Firma Händeln Empfang, Abteilung, Archiv, Lager u.s.w.
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Sarkas Mus vor 7 Monate
Ich verstelle die Stimme immer bei unerwünschten Werbeanrufen. Sie wird dann kratzig und verbal entgleisend. Bestimmt ein tieferliegendes Problem. Könnte beispielsweise damit zusammenhängen dass die anrufen wenn ich endlich Feierabend habe oder sogar schon im Bett bin. Werde einen Psychologen fragen ob er einen guten Tipp für mich hat. Eine Trillerpfeife vielleicht?
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