Ich habe meine Mutter auf Facebook wiedergefunden

Unser 24-jähriger Autor wurde als Baby von seiner Mutter weggegeben. 23 Jahre später findet er seine leibliche Mutter im Internet und versucht, Kontakt zu ihr aufzubauen.

Es ist eine seltsame Situation, in der ich mich befinde. Als ich gerade mal ein Jahr alt war, hat mich meine leibliche Mama zu einer alleinerziehenden Pflegemutter abgegeben und sich dann aus dem Staub gemacht.

Man hat mir immer erzählt, dass sie drogensüchtig und viel zu jung war, um sich um mich zu kümmern und ich froh sein sollte, ein Pflegekind zu sein. Froh darüber war ich zwar nicht, da die Pflegemutter mir nicht nur einmal den Rücken wund geschlagen hatte und sie durch ihre aggressiven Stimmungsschwankungen ziemlich unberechenbar war. Darum habe ich mich dann kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag losgelöst und alleine durchgeschlagen.

Statt Ostereier suche ich meine Mama

Zur Schläge-Mutter habe ich heute keinen Kontakt mehr. Mein familienloses, chaotisches Leben habe ich mittlerweile ganz gut unter Kontrolle und habe mir selbst eine eigene Familie mit meinen besten Freunden zusammengebastelt.

Weihnachten und Ostern habe ich aus meinem Kalender ausradiert. Das sind Familienfeiertage, die ich mit Netflix, Zigaretten und Fruchtsaft alleine zuhause verbringe und vollkommen ignoriere. In solchen Momenten werde ich melancholisch und erwische mich, wie ich traurig den Namen meiner untergetauchten Mutter in die Suchleiste von Facebook eintippe, um nachzusehen, ob sie mittlerweile ein Profil angelegt hat.

Ich bin neugierig, wie sie aussieht, ob ich mein fantastisches Aussehen von ihr habe oder ob sie eine mysteriöse Künstlerfigur ist, die Kinderlosigkeit vortäuscht, um in ihren glamourösen C-Promi-Kreisen authentischer zu wirken.

Liebe, Leidenschaft und Emotion

Während meine Freunde also brav Zuhause feiern und ich Netflix durchgespielt habe, nehme ich mir wieder Zeit, um auf Muttersuche zu gehen. Ohne grosse Erwartungen, einfach nur aus Langeweile und Routine. Und plötzlich: Eine Frau mit passendem Namen scheint im Suchergebnis auf. Das ist sie, ich bin mir sicher und klicke aufgeregt auf ihr Profil.

Sie wirkt jung und ein bisschen frech sogar. Als Titelbild hat sie ein Strassenschild, auf dem «Geiles Leben» steht. Derart beflügelt fange ich an, diese für mich fremde Frau ein bisschen zu stalken und ihre öffentlichen Interessen und Gefällt-mir-Angaben auf Facebook zu durchforsten. Naja, unter Büchern hat sie bloss eine einzige Angabe und jetzt haltet euch fest: «Amour, passion et emotion», deutsch: «Liebe, Leidenschaft und Emotion»! Ein Erotikschinken mit lustigen Sexgedichten.

Die erste Nachricht an meine Mutter

Brecht kann ich ihr anscheinend nicht nahelegen – da wird man nicht feucht – aber vielleicht haben wir ja denselben Filmgeschmack. Auch wieder nur ein einziges Like: «Fifty Shades of Grey». Immerhin nur der erste Teil, vielleicht waren ihr die anderen zu soft. Sie wirkt mit ihren Duckface-Selfies irgendwie wie eine verlorene Seele aus der Yolo-Generation, es fühlt sich ein bisschen nach «Try-Not-to-Cringe-Challenge» an. «Soll ich ihr schreiben?», frage ich mich selbst und überlege, ob es unangebracht sein könnte, sich bei jemandem bemerkbar zu machen, der sich fast ein Vierteljahrhundert vor einem versteckt hat.

Der Mickey-Mouse-Toaster von der Strasse

Aber wo ich jetzt aber schon so weit gekommen bin, kann ich es auch gleich ganz durchziehen. Es ist eine wahnsinnig absurde Situation. Aber ich sitze gerade tatsächlich hier und schreibe mit 24 Jahren eine Facebook-Nachricht an meine mir unbekannte Mutter.

«Hey! Ist es okay, wenn ich dich hier adde? LG, dein Sohn» – ich halte mich kurz und finde mich dabei selbst ein bisschen lustig. Ich merke, wie nervös ich werde und sehne mich nach einem Leitfaden, der mir sagt, was ich tun soll. Ich weiss nicht genau, welche Antwort ich mir erwarte. Aber ihr «Hey, wie gehts?» wirft mich dann doch kurz aus der Bahn. Ein bisschen überfordert erzähle ich dieser Fremden von dem Mickey-Mouse-Toaster, den ich vorgestern auf der Strasse gefunden habe und frage sie im gleichen Satz noch nach einem Treffen.

Schrecklich hässliche Schuhe

Schon am nächsten Abend ist es soweit. Eines muss man ihr lassen: Sie kommt schnell zur Sache. Wenn das doch nur bei den Leuten auf Tinder auch so wäre... Auf dem Weg zum vereinbarten Cafè irren mir tausend Gedanken durch den Kopf, wie: «Hoffentlich will sie kein Geld, weil sie gerade eine Existenzkrise hat, mir aber anbietet es in ein paar Wochen wieder auf Raten zurückzuzahlen.» Nachdem ich selbst chronisch pleite bin, wird sich das aber erübrigen.

Und da sitzt sie schon. Meine Mama. Gekleidet in einem Indianer-Poncho und sommerlichen Plateau-Pantoletten aus Kork. Ich winke ihr zu und wir begrüssen uns mit einem unspektakulären Händeschütteln. Ich muss unwillkürlich grinsen. Sie wertet das wohl als «Wiedersehensfreude», aber hauptsächlich muss ich ein Lachen unterdrücken. Ihre Schuhe sind so hässlich und ich muss an das Geräusch von Korken denken, die man aus Weinflaschen zieht.

Zigarettenpause unter Arbeitskollegen

Die folgende Stunde ist aufschlussreich und doch emotionslos. Meine Mutter erklärt – ohne Aufforderung meinerseits – erstaunlich nüchtern und reuelos die Umstände, die sie dazu getrieben haben, mich aufzugeben. Geldnöte, Drogen, häusliche und sexuelle Gewalt. Ins Detail muss ich an dieser Stelle nicht gehen – es ändert auch nicht viel.

Die Frau, die mir gegenübersitzt, wirkt sehr selbstsicher und scheint unser Treffen viel emotionsloser zu nehmen, als ich es mir selbst eingestehen möchte. Äusserlich bin ich ruhig und gefasst, innerlich schreie, weine und tobe ich. Ich kann nicht verstehen, wie diese Person so locker damit umgehen kann, ihren verlorenen Sohn zu treffen und sich mit mir zu unterhalten, als wären wir Arbeitskollegen, die in der Mittagspause gerade ein paar Zigaretten zusammen rauchen.

Das schlechteste Date meines Lebens

Nach meinem Leben fragt sie kaum. Es scheint sie nicht zu interessieren. Für Gefühle gibt es hier und heute keinen Platz – das lässt meine Mutter gar nicht zu. Ich will ihr sagen, dass sie mir gefehlt hat. Dass mir eine Mama gefehlt hat. Dass meine Kindheit eigentlich keine Kindheit war. Ich will, dass sie sich dafür schämt. Aber ich sage nichts. Ich nicke nur und lächle falsch, als sie mir von ihrem neuen Job im Callcenter erzählt.

«Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Meld dich, wenn du dich wieder mal treffen möchtest», sind ihre Worte bei der Verabschiedung. «Ja, sicher! Ich schreib dir» lüge ich und denke mir: «So verabschiedet man sich nach einem schlechten Date.» Wir wissen beide, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Ich bin so lange ohne sie ausgekommen – jetzt brauche ich sie nicht mehr. Ich freue mich viel mehr über den gefundenen Toaster, der zuhause auf mich wartet.


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56 Kommentare

Zombie vor 3 Monate
Hmmm? Lieber D, wenn du gestattest, bedanke ich mich als erstes für dein richtig offener gesprochener Artikel und möchte dich gerne etwas aufmuntern, zumindest versuche ich es mal, Dankeschön!! Glaubst du mir, dass du ein enorm grosses Glück in deinem Leben hast? Kannst du das glauben? Nich? Ok dann sage ich dir mal, dass es speziell in der verdammten Drogenszene manche Müttern darin gibt, wo Ihre Kinder nach der Geburt sofort ersticken, manche anderen Müttern werfen Ihre Neugeborenen einfach so aus dem Fenster, dann gibt es manche andere Müttern, wo Ihre Babys auch in die Kanalisation schmeissen, sei es früher zu meiner Zeit sowie auch heute, nur hört man selten was davon in den Medien ausser es handelt sich " Im Ausland ", von daher behaupte ich mal, dass deine Mutter das nicht schaffte und gab dich einfach weg und du bist gesund am leben, Ist das etwa nix?? YO DDDDDDDDDDDDDDDDDDD denk darüber nach, ich stamme aus einer Zeit, wo mal hier in der ZH Stadt in öffentlichen Wc` s mehrmals Drogentote sah und ab den 95igern war es nicht mehr so extrem schlimm, weil die Behörden die ganze Drogenszene aufgeräumt hatten und sogenennte " Fixerhäusern " erichteten, also man sah nichts mehr auf den Strassen z.B. beim Platspitz und die Sihlstrasse und Shopville etc etc!! Auch wenn mir deine Mutter nicht im geringsten simpatisch ist, nach deiner Beschreibung aber Sie handelte damals etwas vernünftiger und gab dich an jemand anderes weg! Dummerweise bist du bei einer Rabenpflegemutter gelandet und ich finde es mehr als professionell von dir, dass du dann mit 16 weg bist, sehr gut ich hätte zuerst die Pflegemutter verdrescht dann wäre ich auch weg! Wenn du mir noch die Adresse von deiner Pflegemutter geben willst, Danke, dann gehe ich zu Ihr packe Sie an den Haaren und mache Texas Chainsaw Massacre mit Ihr und schicke dir danach ein paar neue Bildern von Ihr als Leathermaskface für dein Facebook hehehe😃 komm schon lach ein bisschen, das tut deiner Seele gut, glaub mir!! Wegen deinem Date mit deiner leiblichen Mami, so musst du dich nicht im geringsten wundern, ich meine wennse dich als Baby schon weggegeben hatte, dann hatte Sie damals schon keine richtige Muttergefühle für dich, wie kommst du drauf, dass Sie heute auch nur ansatzweise für dich Emotionen haben sollte? Die Antwort hattest du doch vorher schon, denn ansonsten hätte eher Sie dich gesucht, ganz sicher! Weisst du lieber D, in gewissen Situationen im Leben muss man lernen seine Emotionen abschalten können, ich weiss das ist viel einfacher gesagt als getan, doch wenn man Gedanken für jemand der es absolut nicht verdient verschwendet, dann verschwendet man somit auch ein bisschen Energie und das ist nicht gut für die Gesundheit! Wie du selber schon sagtest, deine Familie sind deine Freunde und genau DAAAAAA musst du punkten! Glaub mir, manchmal ist ein enger guter Freund vieelll mehr wert als irgendein Familienmitglied! Deine Pflicht ist es, deine Emotionen völlig unter Kontrolle zu halten und dich mehrheitlich auf das Sachliche zu konzentrieren, du lebst auch nur einmal und daher ist es furchtbar wichtig KEINE Energie an falschen Menschen zu verschwenden, auch wenn es dummerweise Familienmitgliedern sind, in deinem Fall, deine leibliche Mutter!! Vergiss Sie, denn ich garantiere dir, dass es Ihr völlig scheissegal ist, ob du heute noch lebst und morgen nicht mehr und genau DAAA ist der Kern der ganzen Sache, genauso musst du auch über Sie denken! Um dir die beste Lösung deiner Situation zu geben, so muss du jede einzelne kleine Emotion über Sie abschieben, dann hast du absolut Ruhe im Herz, wie schon gesagt, du lebst und bist gesund und bist ab und zu auch gerne für dich alleine und das ist richtig so! Irgendwanneinmal wirst du dann deine Dame finden und Die wird dich garantiert nicht mehr so schnell loshaben wollen, wennüberhaupt, dann wirst du die wahre Liebe einer Frau gegenüber zu dir bestens kennenlernen aber bis dahin, schau dir weiterhin Netflix in aller Ruhe an und verschwende bitte kein einziger Gedanke mehr an deiner Mutter, im Gegenteil, lach über Sie, steh vor deinem Spiegel und mach lustige Faxen und rede mit deinem Spiegelbild mit den Sätzen : OHHH MAMIII DU HAST MIR JA SOO WEHH GEMACHHTTT OHHH WIE SEHHRR ICH LEIIDDEEE dann am Schluss sagst du ganz laut GEH SCHEISSEN MAMMA danach lachst du dich weg 😃, gehe ironisch vor, glaub mir das hilft enorm!!! Leider hattest du einen sogenannten fatalen Start ins Leben aber es geht dir ja heute gut und ich weiss dass du manchmal gemischte Gefühle in dich hast, dann pack dein Handy mit Kopfhörern und gehe in die Natur / Wald raus, setz dich mit schneidersitz an einem alten schönen Baum mit dem Rücken am Baum ran! Schliesse deine Augen und fang ganz langsam an zu meditieren, denk daran ganz fest, das es nicht deine Mutter ist, wo dich und deine Gefühle dominiert sondern die Natur selber, Emotionen gehören zum Menschen egal ob Mann oder Frau und vergiss eines dabei niemals : Bist du lieb zur Natur, so ist Sie lieb zu dir!! Hör dir dabei eines meiner absoluten Lieblingsliedern an, wo ich dir dazu mit bestem Willen widme!! So habe ich es immer gemacht und ich sage dir, nach dieser 1 bis 2 stündiger Meditation ging es mir aber sofort besser und fühlte mich vom Baum umarmt glaub mir!! Ich bedanke mich ganz herzlich für dein gutes Zuhören und wünsche dir jederzeit für immer gute Kraft und saubere Gedanken und alles Gute, deine ururalte Unterhaltungsmumie Zombie 😃!!!!!
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Antwort von wESEN vor 3 Monate
Whoaa... Das ist ein Kommentar... Aber gehst von aus, dass der Autor auch tatsächlich ne Freundin finden wird, ohne nen Anhaltspunkt für die tatsächliche sexuelle Orientierung des Autors zu haben...
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Antwort von Zombie vor 3 Monate
Salü wesen, in der Tat hab ich mir deine Frage auch schon gefragt, denn wenn Jemand nur unangemessene Erfahrungen mit manchen sozusagen " Scheissfrauen " Verzeihung den Ausdruck, Dankeschön, gemacht hatte, dann stellt sich die Frage, ob er überhaupt noch ein Interesse daran hat, mit einer Dame vertiefte Kontkakte zu knöpfen um danach eine Beziehung zu starten, ganz deiner Meinung! Doch er sagt Freunde, nich wahr? Ok unter diesem allgemeinen Begriff " Freunde " verstehe ich, dass es darunter auch weibliche Kolleginnen haben kann, nich? Das wissen wir ja nicht! Meinst du das er deswegen auf der Männerseite sitzen will? Und wennschon, schlimm ist nix dabei! Er hat nun mal überhaupt keine Andeutungen deswegen gemacht, da kann man davon ausgehen, dass er allgemein nix gegen Damen hat!!! Was meinst du dazuu?
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Marion vor 3 Monate
Ich schreibe echt selten Kommentare zu einer Story aber diese hat mich echt berührt! Echt schlimm wie herzlos und egoistisch einige Eltern sind, ob leibliche Mutter oder Stiefmutter! Wünsche ihm von Herzen, dass er bald neben guten Freunden und natürlich dem Mickey Mouse Toaster eine eigene Familie hat und dort Liebe und Geborgenheit findet.
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