Ist das Besinnlichkeit oder bin ich nur besoffen?

Unsere Redaktion hat einen Tag lang die Weihnachtsmärkte Zürichs durchstreift. Zwischen Glühwein, überteuertem Kitsch und besoffenen Menschenmassen wollte nicht so richtige Adventsstimmung aufkommen.

Nach langen Zeiten der totalen Ignoranz gegenüber allem, was auch nur im Entferntesten mit Weihnachtsmarkt und Glühwein zu tun haben könnte, habe ich beschlossen, das Jahr todesmutig ausklingen zu lassen. Ich lasse mich also von meinen Lieblingsmitarbeitern Valentina und Neil zu einem Weihnachtsmarkt-Glühwein-Marathon mitschleppen. Während sich die anderen betrinken, will ich versuchen herauszufinden, warum Menschen eigentlich so anfällig für rituelles Massenbesäufnis sind. Ausserdem kann es ja nicht schaden, ein bisschen Zimtduft und besinnliche Stimmung zu inhalieren.

Nüchtern war gestern

Neil und Valentina sind hochmotiviert. Ich auch. Der Startschuss für unser Adventabenteuer fällt noch vor der Mittagszeit beim Bahnhofstrassen-Globus. Entzückend-kitschige Holzhütten reihen sich aneinander, prall gefüllt mit viel zu kostspieligem Kram, den niemand braucht und genervten Verkäufern. Also eigentlich fast so, wie im Kaufhaus nebenan. Mit dem Unterschied, dass nicht Michael-Kors-Täschchen dargeboten werden, sondern Bratwürste und Süssigkeiten.

Der obligatorische Glühweinstand ist trotz der Tageszeit schon relativ gut besucht. Bei weitem noch kein unbändiger Besucheransturm, aber doch der eine oder andere Mensch, der sich mehr oder weniger offensichtlich an hellichtem Tage mit aufgewärmtem Gesöff abschiesst. Meine Versuche, erstmal Würde zu bewahren und meine Kollegen dazu zu überreden, mit dem Trinken noch zu warten, scheitern kläglich. Ein paar Minuten später sind wir alle um einige Stutz ärmer und ein bisschen weniger nüchtern.

Angeschwipster Bad-Taste-Shopping-Trip

Derart aufgeputscht marschieren wir gen Niederdörfli und lassen uns von den dortigen Punschverkäuferinnen – natürlich vollkommen gegen unseren Willen – dazu «überreden», verschiedenste Glühweinvariationen zu testen. Wir scheinen hier zu den ersten Gästens des Tages zu gehören, das grosse Geschäft soll erst ab 16 Uhr losgehen. Bleibt also genug Zeit, uns auf einen kleinen, angeschwipsten Shopping-Trip zu begeben.

Meine Begeisterung ob der angebotenen Konsumgüter hält sich allerdings in Grenzen. Aus irgendeinem Grund scheinen die Weihnachtsmarktbudenbetreiber davon auszugehen, dass ästhetisch anspruchslose Modeschmuckringe, relativ hässlich bemalte Tongefässe und ungemein geschmacklose Filzjacken als Lifestyle- und Fashionobjekte heiss begehrt seien. Kapitalismus, Kitsch und kommerzialisierter Festtagswahn haben von der arbeitenden Mittelschicht Besitz ergriffen, wie der Wunsch nach einer 20-Stunden-Woche bei vollem Lohn und sechs Wochen Ferien.

Langosch-Fett-Finger und mitreissende Menschenmassen

Meine Suche nach einem Lebkuchenherz mit lustiger Zuckergussbeschriftung verläuft nicht erfolgreich. Leider kommen die Lebkuchenherzverkäuferinnen und ich auf keinen grünen Nenner, was die Definition des Wortes «lustig» betrifft. Während mir die Damen enthusiastisch süsse Kreationen mit liebreizenden Statements wie «Du bist mein grösster Schatz», «Wildes Teufelchen!» oder auch «Glückwunsch zur Beförderung!» präsentieren, stünde mir eher der Sinn nach Sprüchen wie «Ich hasse dich, du dumme Sau!» oder «Dein Leid macht mich geil». Diese fehlen allerdings im Sortiment. Ich bin enttäuscht, meine Kollegen sind gelangweilt.

Aber nicht mehr lange, denn die Langeweile wandelt sich schnell in Stress, als wie auf Kommando mit Einbruch der Dunkelheit  ungeheure Menschenmassen über die Weihnachtsmärkte herfallen und uns mitreissen. Uns umgeben tausende vor lauter Langosch-Fett glänzende Finger, die sich besitzergreifend an klebrige Glühweinbecher klammern, als wäre deren überteuerter und qualitativ meist verbesserungswürdiger Inhalt die Antwort auf all ihre Gebete. Oder auch: Hauptsache dem langersehnten Jahresende entgegensaufen.

Ich bin ja kein Kinderfreund, aber...

Mittlerweile stehen wir auf dem Markt beim Werdmühleplatz. Ich fühle mich unwohl, wenig festlich und wünschte, ich wäre zuhause geblieben. Auf einmal ertönt halbwegs rhythmisches Kindergeschrei, das sich als etwas entpuppt, was mir den Tag retten wird: The Singing Christmas Tree.

Der besteht aus einer Tribüne voller Kinder, die aus voller Kehle in schiefen Tönen winterliche Hits wie «Die Weihnachtsbäckerei» und «Jingle Bells» trällern. Die Freude der Bälger und der stolze Support der anwesenden Eltern rührt mich zutiefst und ich spüre tatsächlich, wie mir ein wenig warm ums Herz wird. Ist ja doch ganz schön, eigentlich. Oder ich bin einfach nur besoffen. Ein paar Sachen habe ich jedenfall gelernt:

Erkenntnis 1: Besinnlichkeit müsste eventuell neu definiert werden.

Erkenntnis 2: Meine Kollegen sind trinkfest und chronisch schlecht gelaunt.

Erkenntnis 3: Weihnachtsmärkte sind kleine, bizarre Parallelgesellschaften, bei denen Daydrinking und Geldverschwendung das höchste der Gefühle sind. Ein bisschen wie am Ballermann, nur mit weniger Deutschen und ein bisschen mehr Herzblut.  Wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre ich auf jeden Fall Team «Last Christmas» statt Team «Dicke Titten, Kartoffelsalat».


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15 Kommentare

walti vor 7 Monate
Also wenn ich mir dieses langweilige Video mit den noch vieeeeeel langweiligeren Moderatoren anschaue, kommt bei mir alles rauf, aber bestimmt keine Weihnachststimmung! (Was ist das überhaupt?)
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Zigi vor 7 Monate
Fightclub habe ich mir 24 (!) mal angesehen, das Buch auf Deutsch 3x, English 2x sowie das Höhrbuch 4x reingezogen Des weiteren Quervergleiche mit anderen Werken Palanoiks (schreibt er sich so?) verglichen In der Komplexität durchaus mit dem dunklen Turm Zyklus zu vergleichen
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Karl Legärfeld vor 7 Monate
"..., dass ästhetisch anspruchslose Modeschmuckringe, relativ hässlich bemalte Tongefässe und ungemein geschmacklose Filzjacken als Lifestyle- und Fashionobjekte heiss begehrt seien." Spiegel?
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Kev the official vor 7 Monate
Christmas ist abgeleitet von Christ, welcher als Jesus bekannt geworden ist. Die Menschen betrinken sich an Weihnachten um diesen unumstösslichen Fakt zu verdrängen, oder wie ich¨; um Jesu-Burffday zu feiern. Glühwein-Konsum natürlich im gesunden Masse 😀. Ich glaube er lebt, und wer ihm (@JesusChrist) auf Twitter, Instagram, Facebook und im wahren leben folgt, wir das Leben gewinnen, und hat jeden Tag Weihnachten. In diesem Sinne wünsche ich allen viel Spass, Freude, Glühwein und Liebe an diesen schönen Tage. Peace&Love!!!!!!!!
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